Der Dom in Brüssel

Kathedrale St. Michael und Gundula

Die Kathedrale steht am Hang eines Hügels, der heute Treurenberg genannt wird, in älterer Zeit aber als Sint Michielsberg bekannt war. Michael ist der Schutzheilige der Reisenden, und da Brüssel ein Handelsknotenpunkt zwischen Brügge und Köln, sowie in nord- südlicher Richtung vom französischen Maubeuge in die Niederlande war, gab es jede Menge dieser Handelsreisenden, die um den Schutz Michaels bitten wollten. Außerdem war Michael ein Lieblingsheiliger der Karolinger, die seit dem 4. Jhd. auf diesem Hügel ansäßig waren. Schon 615 wird Brüssel schriftlich benannt, damals als Brosella, als der Bischof von Cambrai dem St. Michielsberg einen Besuch abstattete. Es ist daher durchaus möglich, dass es schon damals ein Gotteshaus an dieser Stelle gegeben hat, allerdings gibt es keine Spuren davon.
Lambert II Balderik, der vierte Graf von Löwen, beschloss 1047, eine größere Kirche zu bauen.
Gleichzeitig wurden die Gebeine der heiligen Gundula in der neuen Kirche beigesetzt, die nunmehr beiden Heiligen gewidmet war - daher der Name, Kathedrale St. Michael und Gundula.

Die heilige Gundula wurde um 650 geboren und starb im Jahr 712. Sie war Tochter der heiligen Amelberga und des Grafen Witger aus dem Geschlecht der Pippinger. Sie wurde im Kloster von Nijvel von ihrer Patin, der heiligen Gertrud von Nijvel, erzogen. Nach deren Tod widmete Gundula ihr ganzes Leben den Armen und Kranken. Kurz vor der Jahrtausendwende ließ der Herzog von Niederlothringen, Karl von Frankreich, die sterblichen Überreste in die St. Gorikskirche in Brüssel überführen.
Von dort musste Gundula ein halbes Jahrhundert später nochmals umziehen, um hier ihre letzte Ruhestätte zu finden.
Die Kirche, die im 11. Jhd. entstand, wurde im Jahr 1200 mit einem Westbau erweitert. 1226 schon beschloss jedoch der Herzog von Brabant, Hendrik I, die romanische Kirche mit einer größeren, gotischen zu ersetzen. Der Neubau im Westen blieb jedoch bis 1450 erhalten.
Bei der Restaurierung in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden auch die Überreste der alten Kirche ausgegraben, die man heute um einen Euro über eine Stiege in der Kirche besuchen kann.
Der Boden dieser alten Kirche lag um 1,70 Meter unter dem Niveau der heutigen Kirche. Bei den Grabungen wurden auch im Stein eingeritzte Zeichnungen zutage gefördert, wovon in der unterirdischen Ausstellung auch Bilder gezeigt werden - hier von einem Reiter und einem Vogel.
Was die modernistische Installation eines "Kunstwerks", das mit Hilfe von Leinwand und einem Projektor eine schwingende Schaukel darstellte, hier zu suchen hatte, das übersteigt wenigstens meinen Verstand ...

Man baute fast 300 Jahre lang an der neuen Kirche, die erst Anfang des 16. Jhd. fertig wurde. Dann, 1579, wurde beim sogenannten Bildersturm die gesamte Inneneinrichtung verwüstet. Auch der Schrein mit den Reliquien der heiligen Gundula wurde zerstört und ihre Gebeine in der Gegend verstreut. Der Bildersturm war eine Aktion der Reformisten, bei denen vor allem Darstellungen von Heiligen zerstört wurden.

Die Kulturlosigkeit der reformistischen Bewegungen ist ja auch an anderen Orten nachweisbar. Die kulturellen Werte, die dadurch vernichtet wurden, sind natürlich unwiederbringlich. Daher besteht auch die Inneneinrichtung der Kirche hauptsächlich aus den Zeiten des Barocks.
Die nächste Plünderung geschah 1794, im Rahmen der Französischen Revolution, als die Sansculotten über die Kirchen herfielen. Die Sansculotten waren Arbeiter, Handwerker und Kleinbürger, die die Terrorherrschaft der Jakobiner unter Robespierre unterstützten, weil sie bei ihnen auf neue soziale Errungenschaften hofften. Der Adel hat diese Gruppen natürlich immer ausgenützt, statt ihnen Bildung zu verschaffen ...

Der Zelebrationsaltar aus Naturstein steht auf einer Altarinsel direkt unter der Vierung (Kreuzpunkt von Mittel- und Querschiff). Er wurde von Michel Smolders erschaffen.

Was im Mittelschiff sonst sofort ins Auge sticht, sind die zwölf Apostel, die hier, von Petrus und Paulus (im Bild links) angeführt, in zwei Reihen an je sechs Säulen die Kirche überwachen. Rechts im Bild sehen wir Natanael (Bartholomäus).
Die lebensgroßen Figuren wurden von Jérome Duquesnoy d.J. und Lucas Faid'herbe im 17. Jhd. im brabanter Barockstil erschaffen.
Die Kanzel aus Eichenholz, die zwischen den Pfeilern von Thomas und Philippus steht, wurde 1699 von Hendrik-Frans Verbruggen gebaut. Ursprünglich stand sie in der Jesuitenkirche von Löwen; als aber der Jesuitenorden 1773 aufgelöst wurde, schenkte Kaiserin Maria Theresia die Kanzel der Brüsseler Stiftskirche. Das ungefähr heutige Gebiet von Belgien und Luxemburg gehörte damals zu den österreichischen Niederlanden.
Das Motiv des Predigtstuhls ist der Sündenfall und die Erlösung. Im unteren Teil sehen wir Adam und Eva, die soeben aus dem Paradies vertrieben werden. Auf dem üppig verzierten Schalldeckel steht Maria auf einer Mondsichel, die zusammen mit dem Christuskind mit dem Kreuz den Kopf der Schlange durchbohrt, was ja ein Symbol der Erlösung ist. Maria hat den Kopf mit zwölf Sternen gekrönt; das hat aber nichts mit der EU zu tun, sondern soll die 12 Stämme Israels symbolisieren - warum auch immer.
Auf der gegenüberliegenden Seite, auf den Pfeilern von Petrus und Andreas (auf der Säule im Vordergrund sehen wir Johannes), wurde im Jahr 2000 eine Schwalbennestorgel eingebaut. Der deutsche Orgelbauer Gerhard Grenzing und der englische Architekt Simon Platt bauten das Instrument, das nicht weniger als 4300 Pfeifen besitzt, die auf 63 Register, vier Manuale und ein Pedal verteilt sind.
In der Kirche finden auch öfter Orgelkonzerte und andere Events statt, sodass es gar nicht leicht ist, drinnen zu fotografieren. Mir gelang es erst im fünften Anlauf, all die Fotos zu machen, die ich haben wollte.

Äußerst beeindruckend sind auch die hohen Kreuzrippengewölbe der Kirche, mit den ausgesuchten Schlusssteinen in gut 25 Meter Höhe, deren Motive man eigentlich erst mit dem Zoom der Kamera gut erkennen kann. (Bild rechts unten)

Im Bild links sehen wir das nördliche Seitenschiff, das in einen Chorumgang mündet. Leider ist es wieder wegen einer Veranstaltung abgesperrt, wie auch der restliche Teil der Kirche. Rechts vorne ist der Abgang zu den Ausgrabungen zu sehen.
Die dreischiffige Kirche hat hinter dem Chor einen Kapellenkranz mit acht Kapellen. An den äußeren Wänden der beiden Seitenschiffe stehen je drei reichlich skulptierte Beichtstühle aus dem 16. Jhd. An der Kreuzung zum Querschiff steht auf jeder Seite ein Standbild der beiden Namensgeber der Kirche, Michael und Gundula - von de Martelaere bzw. de Beule erzeugt, beide im Jahr 1912.
Die Glasfenster der Kirche sind eigentlich eine eigene Seite wert. Die drei großen Fenster, an der Westfassade und im nördlichen und südlichen Querschiff, stammen alle aus dem 16. Jhd. Das mittlere Bild (unten) ist aus dem südlichen Querschiff und stellt Ludwig II von Ungarn dar, der vor der Dreifaltigkeit kniet und von seinem Schutzpatron, dem heiligen Ludwig beschützt wird, sowie Maria von Ungarn, Schwester von Karl V, Gemahlin von Ludwig II, die unter dem Schutz der heiligen Jungfrau steht.

Aber auch die Glasfenster im Seitenschiff sind sehenswert. (Bilder oben links und rechts) Sie sind zu verschiedenen Zeiten entstanden. Zehn der Fenster erzählen Episoden aus dem eucharistischen Wunder von Brüssel, das sich 1370 abgespielt haben soll. Religionsgegner hatten Hostien gestohlen und sie mit Messern durchbohrt, worauf die Hostien zu bluten begannen. Vom Diebstahl bis zur Hinrichtung der Missetäter und Rückführung der Hostien in die Kathedrale der heiligen Gundula sind die Ereignisse an den Fenstern zu sehen. Jedes Fenster trägt auch einen kurzen Widmungstext über seine Spender.
Der Hochaltar aus getriebenem und vergoldetem Kupfer ist eine Arbeit von Lambert de Rijswijch aus dem Jahr 1887. Er wurde jedoch dem Stil des 13. Jhd. nachempfunden.
Die Fenster im oberen Teil der Apsis entstanden zwischen 1510 und 1530 und zeigen europäische Regenten, hauptsächlich Karl V und seine Verwandten, zum Beispiel Großvater Maximilian I mit Gattin Maria von Burgund. Auch Vater Philipp der Schöne sowie Geschwister sind abgebildet.
Unter dem Chor befindet sich eine Grabkammer, wo man bis 1595 diverse Potentaten begrub.
Hinter dem Hauptaltar sind Grabmonumente der Herzöge von Brabant, sowie von Erzherzog Ernst von Österreich, Statthalter der spanischen Niederlande.

Die Chorscheitelkapelle ist der St. Magdalena geweiht. Sie besteht schon seit 1282, wurde aber im 17. Jhd. von Léon van Heil barockisiert. Sie wird heute auch Maeskapelle genannt, nachdem ein flämischer Ritter mit diesem Namen sie zu seiner Familienkapelle machte.
Dort ist heute der Passionsaltar zu sehen, der von Jan Money, dem Bildhauer von Karl V, im Jahr 1538 gebaut wurde. Er zeigt Szenen aus der Leidensgeschichte Christi.
Über dem Altar sieht man das Dreifaltigkeitsfenster, das im 19. Jhd. von der Familie de Merode gespendet wurde, wie auch die beiden Seitenfenster der Kapelle. Ausgeführt wurden sie von J.P. Capronnier.

Im Gegenzug bekam Graf Federico de Merode ein Grabmal in der Marienkapelle.

Erzherzogin Isabella äußerte den Wunsch nach einer Marienkapelle, daher wurde am südlichen Chorumgang zwischen 1649 und 1655 die Kapelle unserer lieben Frau von der Erlösung gebaut und zwar dort, wo sich früher vier kleinere Kapellen befunden hatten.
Der Hauptaltar aus dem Jahr 1666 besteht aus schwarzem Marmor, erschaffen von Jan Voorspoel. Das Altarbild von J.B. Champaigne ist etwa gleichzeitig entstanden und zeigt die Himmelfahrt Marias. Die Marienstatue auf dem Altar ist von 1592.
Der Zelebrationsaltar aus Kupfer wird von den ausgebreiteten Flügeln eines Pelikans getragen. Der zweite Vogel hat die Flügel angelegt. Der Pelikan ist seit dem 5. Jhd. ein Symbol für Christus als Erlöser.

Am nördlichen Chorumgang befand sich die Sakramentskapelle, die in den Jahren 1534-1539 an der Stelle von vier kleineren Kapellen entstanden ist. Heute ist sie zur Schatzkammer umfunktioniert worden. Auch hier kostet der Eintritt einen Euro, aber das ist eine durchaus wohlspendierte Ausgabe.
Gleich nach dem Eingang, dessen Portal aus dem 17. Jhd. stammt und im alten Kloster von Aywieres Verwendung fand, steht eine Statue des Erzengels Michael, der einen abtrünnigen Engel besiegt. Diese Statue stand ursprünglich auf der alten Orgel der Kirche.
Die Fenster hier sind ebenfalls von Karl V gestiftet und zeigen weitere Mitglieder seiner Verwandtschaft, unter anderem Schwester Katharina von Aragon mit ihrem Gatten Johann II von Portugal, Schwester Eleonore von Österreich mit ihrem Gatten Franz I von Frankreich, sowie Bruder Ferdinand I mit Anna von Böhmen.
Karl V selbst mit Gattin Isabella von Portugal wurde aber 1848 ersetzt, und zwar mit dem "Triumph der wundertätigen Eucharistie".
Das Bild der heiligen Gundula ist eigentlich ein Triptychon, von dem hier aber nur der Mittelteil ausgestellt ist. Wir sehen Gundula mit der Laterne in der Hand auf dem Weg zum Gebet. Im Vordergrund kniet sie nieder, während ein Engel ihre Laterne nachfüllt (Erleuchtung) und ein Kranker (Stock als Attribut) sie um Heilung bittet. Im Hintergrund heilt Gundula ein Kind.
Das Bild wurde von Michael Van Coxie gemalt - und zwar im Alter von 92 Jahren! Nach einer längeren Visite in Italien kehrte er 1539 nach Mechelen zurück. Nach dem Tod seines Lehrers Bernard van Orley, übernahm Coxie das Hofmaleramt bei Maria von Ungarn. Später wurde er von Karl V und dessen Sohn Philipp II gefördert.
Außerdem gibt es hier zahlreiche Monstranzen (nicht zuletzt solche für die wundertätige Eucharistie), Kreuze, Kelche, Reliquienbehälter und ähnliche Dinge, die von diversen Spendern der Kirche überlassen wurden. Auch liturgische Kleidung aus verschiedenen Zeiten ist zu sehen.

Es würde aber zu weit führen, darauf näher einzugehen. Im Bild oben sehen sie einige Beispiele davon.

Das wahrscheinlich wertvollste Stück in diesem Museum ist ein Reliquienkreuz. Auf dem Querbalken der Rückseite kann man lesen "DRAHMAL/ME WORHTE", was nichts anderes als eine Signatur ist und bedeutet "Drahmal erzeugte mich". Aber es kommt noch besser: auf den schmalen Kanten des Kreuzes gibt es eine Inschrift, die sich auf "The Dream of Rood" bezieht. Dies ist eines der ältesten Dokumente altenglischer Literatur, da das Werk vermutlich auch dem 8. Jhd. stammt.
Rood oder Rod ist die Bezeichnung für ein Kreuz. In diesem Fall erzählt das Kreuz, wie es als Baum gefällt wurde, dann nach Golgatha getragen wurde und dort die Kreuzigung Christi "am eigenen Leib" erlebte. Dann wird die Grablegung geschildert, sowie die Himmelfahrt. Es folgt eine Glorifizierung des Reichs Gottes.

Auf diesem Kreuz lautet die Inschrift: "Rod is min nama; geo ic ricne, Cyning bær byfigynde, blod bestemed." Das heißt: Rod ist mein Name; ich erzitterte, als ich einen mächtigen König trug, blutüberströmt. Das ist eine ganz klare Anspielung auf "The Dream of Rood".
Außerdem gibt es auch eine Widmung, wie sie zu dieser Zeit üblich war und auch auf Runensteinen vorkommt. Hier ist der Text allerdings mit Lateinbuchstaben geschrieben: "þas rod het Æþmær wyrican and Aðelwold hys beroþo[r] Criste to lofe for Ælfrices saule hyra beroþor". Das wieder heißt: "Dieses Kreuz hat Æþmær bestellt und Aðelwold sein Bruder, Christus lobpreisend, für die Seele von Ælfrices, ihren Bruder". Anhand dieser Inschriften kann man das Kreuz in das 11. Jhd. datieren.
Das heute schon ziemlich mitgenommene Kreuz wurde im 17. Jhd. von Erzherzogin Isabella doniert. Damals war die Vorderseite vermutlich noch mit Juwelen besetzt, die aber bei einer Plünderung durch die Franzosen verschwanden. Das Kreuz ist 46,5 mal 28 Zentimeter groß.

Die Büste von Maria mit dem Kind entstand Anfang des 16. Jhd. und ist aus weißem Marmor. Möglicherweise ist sie von Conrad Meit erschaffen worden.

Rechts vom Hauptaltar sind Bilder der Mäzene der Schatzkammer aufgestellt, Erzherzog Albrecht von Habsburg und die Infantin Isabella. Beide hatten Regenten als Vater, Albrecht war ein Sohn von Maximilian II von Österreich und Isabellas Vater war Philipp II von Spanien. Albert war als Landvogt der Niederlande seinem Bruder Ernst gefolgt. Die Infantin bekam auch als Auftrag von ihrem Vater "dort für den rechten Glauben zu sorgen".
Die beiden sind zusammen mit mehreren anderen unter dem Altar der Kapelle begraben. Letzterer, im neugotischen Stil, ist allerdings erst später dorthin gekommen. Er wurde im Jahr 1849 von den Gebrüdern Goyers erzeugt. Hinter dem Altar sind weitere Reliquien verwahrt, unter anderem der Schädel der heiligen Elisabeth von Ungarn. In der Mitte des Altars wird eine Monstranz der wundertätigen Eucharistie gezeigt, die 1837 von Ludwig Fortner in Prag erschaffen wurde.

Wie immer man zu Religion und Reliquien stehen mag, der Besuch der Kirche und nicht zuletzt der Schatzkammer ist auf jeden Fall ein Erlebnis, das ein ganz großes Kulturerbe anschaulich macht.



Bernhard Kauntz, Wolvertem 2009


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