Great St. Mary's
Die Universitätskriche in Cambridge


Great St. Mary's Church liegt mitten in der Fussgängerzone von Cambridge. Es mutet eher südländisch an, die Kirche gleich hinter dem Markt zu finden, auf dem sich Einheimische und Touristen drängeln. Beide, Kirche und Markt, haben aber schon jahrhundertelang nebeneinander bestanden. Die Kirche, im Jahr 1205 zum ersten Mal erwähnt, hiess damals schon "St.Mary-by-the-market".
Damals war die Kirche das grösste Gebäude des Marktfleckens und wurde daher für allerlei Zusammenkünfte benützt, nicht nur religiöse. Ihre Gebundenheit zur Universität wurde nur 4 Jahre später eingeleitet.
Damals siedelten sich Studenten aus Oxford an und wählten ebenfalls die Kirche zu ihrem Versammlungsplatz - hatte doch auch die Universitätskirche in Oxford die Gottesmutter als Patronin.
1291 zerstörte jedoch ein Feuer die Kirche und der Wiederaufbau ging nur langsam. Erst 1351 wurde der Altar wieder geweiht, war aber vermutlich schon vorher in Gebrauch. 1352 erhielt die Kirche den Beinamen "Great", da eine andere Kirche auf St. Mary the Less umgetauft wurde.
Die nächste Katastrophe ereignete sich dreissig Jahre später. Die Gefühle der Stadtbewohner waren den Universitätsleuten gegenüber ziemlich kühl, wie so oft in der Geschichte, da der Durchschnitt den Intellektuellen feindlich gegenübersteht. Bücherverbrennungen sind dann immer eine bewährte Methode. So auch hier. Unter der Führung des Bürgermeisters drang man in die Kirche ein und verbrannte alle Universitätsunterlagen. Nicht zuletzt deshalb sind die bewahrten Aufzeichnungen von der Zeit vor diesem Malheur eher spärlich.
Im 15. Jahrhundert wurde die Kirche dann zu klein. 1475 stiftete Richard, Herzog von Gloucester, zwanzig Mark in einem Kirchenfond, der den Ausbau bezahlen sollte. Dieser Herzog wurde später als König Richard III bekannt. Auch Shakespeare liess ihn rufen: "Ein Pferd, ein Pferd, mein Königreich für ein Pferd". Aber das gehört eigentlich nicht hierher.
Drei Jahre später wurde mit dem Ausbau der Kirche begonnen und 1519 wurde sie, vom Turm abgesehen, fertiggestellt. Letzterer wurde - in seiner heutigen Form - erst 1608 errichtet. Dazwischen lag allerdings die Reformation. Zwar wurde 1549 in St. Mary der erste Gottesdienst auf Englisch gehalten (vorher war, wie auch sonst überall, Latein die Kirchensprache), aber die prunkvolle, mittelalterliche Kirche mit ihren schönen Wandmalereien und vergoldetem Dach, wurde in eine neutrale, weissgekalkte Reformationskirche verwandelt. Wieder hatte der Trotz gegen die Obrigkeit (Heinrich VIII gegen den Papst) wertvolles Kulturgut zerstört. Andererseits war auch die Gegenseite nicht zimperlich.
Unter der römisch-katholischen Königin Mary wurden in fünf Jahren allein in Cambridge fünfunddreissig reformierte Prediger auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Alles immer im Namen Gottes, versteht sich ...
Durch den Gebrauch der Landessprache entwickelte sich St. Mary zu einer Predigerkirche.

Alle Bachelors of Divinity (etwa cand. theol.) und höhere Ränge mussten in gegebener Reihenfolge dort predigen. Die Studenten wurden dazu angehalten, an Sonn- und Feiertagen mindestens zwei Predigten zu hören und diese zusammenzufassen.
Um 1730 wurden die Galerien ausgebaut, womit man mehr Platz schaffen konnte, ja die Kapazität sogar um die Hälfte vergrössern konnte. Gleichzeitig wurde die Kirche aber nicht mehr als allgemeines Versammlungshaus gebraucht weil das neugebaute Gibb's Senate House diese Funktion übernahm.
Vor dem Tor der Kirche ist eine Platte in den Boden eingelassen. Sie markiert das Zentrum von Cambridge. Von ihr aus wurden auf drei wichtigen Strassen Meilensteine gesetzt. Es waren dies die ersten Meilensteine, die in England verwendet wurden.
Für das Dach spendete König Henry VII das Holz von einhundert Eichen, allerdings von einem Bestand, der nicht ihm gehörte ...
Die Kanzel, von 1872, hat den Vorteil, dass sie, bis zur Kirchenmitte einfach verschoben werden kann. Dann aber haben die Kanzeln in dieser Kirche immer schon eine herausragende Stellung gehabt. Schon im Jahr 1736 gab es hier eine Kanzel aus schwarzer Eiche, die drei Etagen hatte. Von ganz oben durften nur hohe Geistliche predigen, in der Mitte die übrigen Geistlichen und ganz unten betraute Mitglieder der Kichengemeinde. So wunderbar englisch und so wunderbar im Namen der Religion, in der alle Menschen gleich sind ... Sie stand zwar mitten in der Kirche, war aber gegen den Altarraum mit dem Chor gerichtet. Nichtsdestoweniger war diese Kanzel hundertdreissig Jahre lang der Stolz der Kirche.
Es gibt relativ viele Erinnerungstafeln in der Kirche, die zum Teil auch als Grabsteine dienen. Es sind die verschiedensten Menschen, deren hier gedacht wird.
Die Glocken waren zeitweise sehr provisorisch untergebracht, weil die Kirche ja eine Zeit lang keinen Turm hatte. 1564 wurde die Kirche sogar zu einer Geldstrafe verurteilt, weil man die Glocken nicht geläutet hatte, als die Königin in die Stadt kam. Heute allerdings hat man ganze zwölf Glocken im Turm. Wenn man alle Variationen durchspielen wollte, würde das dreiunddreissig Jahre lang dauern.
Ein schönes Lesepult ist auch erwähnenswert. Es hat die Form eines Adlers und steht der Kanzel gegenüber an der Übergangsstelle vom Kirchenraum zum Altarraum (mit dem Chor). Der Adler ist teils Johannes dem Täufer zugeordnet, teils aber auch ein altes christliches Symbol für die Auferstehung, sowohl Christi, als auch die der Gläubigen.
Als Altarbild dient eine vergoldete Holzschnitzerei, die sogenannte "Majestas". Der Name ist eine Abkürzung für die Mäjestät Christi. Die Schnitzerei wurde 1960 von Alan Durst erschaffen. Sie stellt den wieder auferstandenen Christus dar, mit dem Kreuz als Hintergrund. Auf dem Querbalken des Kreuzes sind die griechischen Buchstaben Alpha und Omega eingezeichnet, ein Symbol für Anfang und Ende (oder eben für die Ewigkeit).
St. Mary hat zwei Orgeln. Der Grund dafür liegt wieder einmal darin, dass Universiät und Kirchengemeinde an verschiedenen Strängen ziehen. Im 16. Jahrhundert konnte man sich nicht einigen, wer die Kosten für die Instandsetzung der alten Orgel bezahlen solle.
Dann geschah einmal nichts - und es vergingen hundert Jahre, in denen die Kirche keine Orgel besass. Ende des 17. Jahrhunderts beschloss die Universität eine Orgel zu stiften. Sie steht an der Westseite, über dem Eingang. Bald aber war die Kirchengemeinde mit dem Zustand der Orgel unzufrieden und installierte eine eigene Orgel über dem Chor.
Noch ein Wort zu den Kirchenfenstern: sie sind alle relativ neuen Datums. An den Längsseiten gibt es die sogenannten Te Deum-Fenster, von denen jedem je ein Vers aus dem Te Deum zugrunde liegt. Diese wurden zwischen 1902 und 1904 eingesetzt. Das Fenster an der Ostseite, über dem Altar, ist ein wenig älter, von 1872. Jeder Teil zeigt Ereignisse um die Geburt Jesu, z.B. Verkündung, Anbetung, Flucht nach Ägypten, und so weiter.


Bernhard Kauntz, Wolvertem, Belgien, 2012



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