Eine Stadtwanderung in Ljubljana


Als wir gleich am ersten Tag unseres Aufenthalts in Ljubljana einen Spaziergang machten, kamen wir an einem Haus vorbei, dessen große Portale mit Skulpturen von nackten Menschen umgeben sind.
"Ist das ein Pornographiemuseum", meinte ich vorlaut. Aber ich hätte meine Worte schnell wieder hinunterschlucken wollen, als ich sah, was für Haus das wirklich ist. Es ist das Parlament Sloweniens.
       
So genial! Wie hätte man die Funktion dieses Hauses besser ausdrücekn können? Die Figuren zeigen Männer, Frauen und Kinder - Arbeiter in verschiedenen Berufen, Wissenschafter, als Eltern, arbeitend, spielend - was immer man mit rund fünfzig Bildern ausdrücken kann. Warum sie nackt sein müssen? Weil das Parlament alle diese Menschen zu vertreten hat, aber in ihrer Essenz, wo einer eben nicht besser ist, als ein anderer. Und jede Bekleidung hätte uns schon Vorurteile fassen, die Menschen in Gruppen einteilen lassen - und eben das sollte im Parlament nicht geschehen!
Das Gebäude wurde in den Fünfzigerjahren von Architekt Vinzo Glanz errichtet, einem Schüler von Jože Plečnik. Die Skulpturen stammen aber von Zdenko Kahlin und Karel Putrih.
Das Parlament steht am Platz der Republik, der früher, unter dem Kommunismus, Platz der Revolution geheißen hat. Leider hat der Kommunismus noch etwas Anderes hinterlassen, was nicht so leicht auszutauschen ist, wie ein Name. Es sind dies die beiden Türme, die dem Parlament gegenüber stehen. Die Fassaden sind zwar mit speziell verankerten Granitblöcken versehen, fast neuneinhalb tausend an jedem Turm, aber trotzdem ist der mächtige, graue Eindruck nicht unbedingt ästhetisch.
Ursprünglich sollten die Türme noch höher werden und 22 Stockwerke haben, aber es blieb bei 16, als sie 1968 nach Plänen von Edvard Ravnikar errichtet wurden. Unterirdisch sind sie durch eine Tiefgarage und mehrere Gänge verbunden, während über der Erde eine Bank und mehrere Büros ansäßig sind.
Ein paar Ecken weiter finden wir die Oper, die allerdings 1890 - 1892 als Theater erbaut wurde. Jan Vladimir Hrasky und Anton Hruby hießen die Architekten des Gebäudes. Damals war Ljubljana noch ein Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, was auch ganz seinem Baustil entspricht. Das Haus könnte genauso gut irgendwo in Österreich stehen - wie übrigens viele andere Gebäude dieser Stadt ebenfalls.
Die Oper fasst 560 Zuschauer und das Opernensemble gibt jährlich etwa 150 Vorstellungen, doch etliche davon auch im Ausland.
Wir gehen jetzt am Kunstmuseum, dem Museum moderner Kunst und dem Nationalmuseum vorbei und machen eine kleine Runde über den Tivoli. Der Tivoli ist eine sehr große Grünfläche im Westen der Stadt, die insgesamt etliche Quadratkilometer ausmacht. Ljubljana ist überhaupt eine sehr grüne Stadt, mit vielen Parks, die über das ganze Stadtgebiet verbreitet sind.
Wir haben jetzt unseren Rundgang im nordwestlichen Teil abgeschlossen und gehen jetzt in Richtung Ljubljanica. Dies ist der kleine Fluss, der in einem Bogen die Altstadt vom modernen Teil trennt.
Bevor wir jedoch so weit kommen, machen wir eine Kaffeepause auf der Dachterrasse des "Wolkenkratzers" von Ljubljana. Er besteht aus ganzen zwölf Stockwerken, war aber, als er in den Dreißigerjahren gebaut wurde, das höchste Gebäude auf der Balkanhalbinsel. Auch heute hat man von oben noch eine schöne Aussicht über die Stadt. Links von der Bildmitte sehen wir die rosa Franziskanerkirche, dahinter gleich die Kathedrale und auf dem Hügel oben die Burg. Ljubljana liegt in einem Talkessel, der ringsum von Bergen umgeben ist.
Wir gehen durch den Miklošičpark, wo auch eine Statue dieses Herrn steht. Sie steht an der Stelle, wo man 1908 eine Statue von Kaiser Franz Joseph aufgestellt hatte. Aber nach dem Zerfall der Monarchie war Letzterer wohl nicht mehr so wichtig und musste daher Franc Miklošič Platz machen. Dieser war Sprachwissenschafter und vor allem in der Slawistik tonangebend.

   

Auch die nachfolgende Querstraße ist nach ihm benannt, auf die wir jetzt einbiegen und bald vor dem Haus der Kooperativbank stehen. Es ist eines der wenigen Gebäude, die in slowenischem Nationalstil gehalten sind. Erbaut wurde es 1922 von Ivan Vurnik, dem Gründer der Architekturschule in Ljubljana, in die er auch Jože Plečnik eingeladen hatte. Auch mehrere Wände im Inneren des Hauses sind im selben Stil gehalten und von der Gattin Ivans, Helena, erschaffen worden.
Nahe beim zum Prešerenplatz, gegenüber der Franziskanerkirche, finden wir noch ein Haus, das eine nähere Betrachtung wert ist. Es ist dies das Union Hotel, das sich rühmte, das modernste Hotel am Balkan zu sein, als es bald nach der Wende zum 20. Jahrhundert von Josip Vancaš erbaut wurde.
Hier haben schon viele celebere Gäste gewohnt, unter anderen Bill Clinton, der Dalai Lama, die Könige Juan Carlos von Spanien und Carl XVI Gustav von Schweden, Roger Moore und viele andere.
Wir überqueren jetzt die Dreifachbrücke und biegen dann links ab, um am Markt entlang zu gehen. Die Kolonnaden, direkt am Ufer der Ljubljanica, sind wieder ein Werk von Jože Plečnik und bieten den Marktständen dort auch bei Schlechtwetter genügend Schutz. Wir schlendern eine Straße hinauf, um an der Kathedrale vorbei zu gehen und kommen dann zum eigentlichen Marktplatz, wo sich auf der ganzen freien Fläche Stand an Stand drängt. Quer über den Markt gehen wir zurück in Richtung Fluss, weil wir uns die Drachenbrücke nicht entgehen lassen wollen.
Die Drachenbrücke ist eine der ältesten Stahlbetonbrücken in Europa. In Slowenien war sie die erste Brücke jemals mit Asphaltbelag. Ihr einziger Bogen spannt gute 33 Meter über den Fluss. Die ersten Pläne, die alte Brücke zu ersetzen, stammen aus dem Jahr 1888. Damit wollte man den Vierzigjahrestag der Regierung Kaiser Franz Josephs würdigen. Weil aber die Ljubljanica reguliert wurde und auch andere Umstände dazu beitrugen, wurde die Brücke erst im Jahr 1901 fertiggestellt. Ursprünglich sollte sie Jubiläumsbrücke heißen, aber der Name Drachenbrücke hat sich durchgesetzt. Dieser kommt natürlich von den vier Drachen, die auf je einem Brückenpfeiler thronen.
Ljubljana ist traditionellerweise mit Drachen verbunden - das ist möglicherweise auf die Argonautensage zurückzuführen. Eine bekannte Version der Heimfahrt ist ja, dass die Argonauten irrtümlich vom Schwarzen Meer aus die Donau hinauffuhren. In der lokalen Erzählung fuhren sie dann weiter über die Save und kamen schließlich in die Ljubljanica.
In der Nähe von Ljubljana soll Jason dann ein fürchterliches Ungeheuer erschlagen haben, nämlich einen riesigen Drachen. Seither ist der Drache ein Symbol von Ljubljana.
Wir gehen wieder über den Markt zurück und biegen dann auf den Promenadeweg ein, der hinauf zur Burg führt. Wir benutzen ihn aber nur als Abschneider zum Alten Platz, beziehungsweise zum Oberen Platz (Bild rechts), wo wir die ältesten Teile von Ljubljana finden. Die ältesten Gebäude stammen aus dem Mittelalter, wenngleich auch die Fassaden später renoviert wurden.
Dann überqueren wir die Ljubljanica wieder und gehen, am Stadtmuseum und der Universitätsbibliothek vorbei, zum Kongressplatz. Der große Park in der Mitte war der erste Park der Stadt, der von wichtigen Gebäuden, wie dem Hauptsitz der Universiät (Bild unten links), dem Gebäude der slowenischen Philharmonie, der Ursulinenkirche (Bild unten rechts) und der Plečnik Hochschule umrandet wird.
Im Park gibt es auch einen Musikpavillon, der in den Achtzigerjahren in alter Form wieder aufgebaut wurde, aber der Lärm von der nahen Hauptstraße (hinter der Kirche) macht heute Konzerte unmöglich.
Der Platz wurde erschaffen, als hier die 1821 die "Heilige Allianz" vereinbart wurde, zwischen dem österreichsichen Kaiser und dem russischen Zar, sowie dem König von Neapel. Die Universität wurde 1919 gegründet und zog in ihr heutiges Gebäude ein, wo früher die Provinzialregierung gesessen hatte. Der Balkon über dem Eingang des Hauses wurde öfter für wichtige, öffentliche Reden beansprucht.
Am Haus der Philharmonie steht die Jahreszahl 1701. Die gilt jedoch nicht dem Haus, sondern ist das Gründungsjahr der slowenischen Philharmoniker. Viele berühmte Komponisten, wie Haydn, Brahms und Paganini waren Ehrenmitglieder dieser Gesellschaft.
Die Ursulinenkirche wurde im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts errichtet. Es ist jedoch nicht mehr überliefert, wer der Architekt hinter diesem Werk war. Sie ist auf jeden Fall eines der wichtigsten Barockbauwerke in Ljubljana. Die monumentale Fassade der Rückwand gleicht allerdings mehr einem Wohnhaus, als einer Kirche. Die Vorderseite aber steht auf der Hauptstraße, der Slovenska cesta, wo unsere Wanderung begonnen hat.

Es ist natürlich völlig unmöglich, ein übergreifendes Bild einer Stadt in nur einem Artikel zu zeichnen - dafür bräuchte man wohl ein ganzes Buch. Ich hoffe jedoch, dass ich viele der wichtigsten Sehenswürdigkeiten herausgegriffen habe, die Ihnen bei einem Besuch in dieser freundlichen Stadt behilflich sein können.

Bernhard Kauntz, Wolvertem, Belgien, 2012



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