SCHLOSS CHAUMONT


Das Schloss Chaumont liegt auf einer Anhöhe. Wenn man im Ort Chaumont-sur-Loire, den Aufstieg beginnt, hat man zunächst einmal einen schönen Anblick der Dorfkirche, mit der Loire im Hintergrund.
Und während des Aufstiegs hat man viel Zeit, um ein wenig über die Geschichte des Schlosses nachzudenken. Wir müssen über 1000 Jahre zurückgehen, um an den Anfang der überlieferten Geschichte zu kommen. Schon im 10. Jhd. baute Eudes I, Graf von Blois, hier einen Turm in einer strategisch günstigen Lage, weil er sich mit Foulques Nerra, Graf von Anjou, hitzige Gefechte um das Loiretal lieferte.
Ein normannischer Vasall namens Gelduin bewährte sich auch unter Sohn Eudes II und bekam schließlich das Schloss geschenkt. Sein eigener Sohn blieb jedoch kinderlos und übertrug das Erbe auf seine Schwester, die mit einem d'Amboise verheiratet war. Im 14. Jhd. probte Peter I d'Amboise zusammen mit anderen Patriziern einen Aufstand gegen König Ludwig XI. Dieser ließ Chaumont in Brand setzen und niederreißen und konfiszierte das zum Schloss gehörende Areal.
Er verzieh Peter aber später und half ihm sogar, das Schloss wieder aufzubauen. Damit gewann das Königshaus für etliche Generationen treue Untertanen. Georg, der jüngste Sohn der 17 Kinder Peters, wurde nicht nur Kardinal und päpstlicher Legat, sondern auch ein Freund von Ludwig XII und sein Premierminister. 1503 kam der König sogar auf Besuch nach Chaumont - mit dem gesamten Hofstaat. Die männliche Linie starb in den Italienkriegen aus. Die Frauen des Hauses behielten den Besitz bis 1550, als Katharina von Medici es um 120.000 Franken aufkaufte.

Der Aufstieg ist nicht sehr steil,
aber ziemlich lang
Diese Dame hat einen nicht sehr vorteilhaften Nachruf. Sie wird oft als Intrigantin und als selbstsüchtig bezeichnet. Aber sehen wir uns einmal ihre Situation an: Sie war mit König Heinrich II verheiratet, eine Ehe, die Heinrichs Vater, Franz I in Italien ausgehandelt hatte. Diese Allianz sollte das Band zwischen Frankreich und dem Papst stärken. Katharina war nämlich schon 3 Wochen nach ihrer Geburt Vollwaise und stand unter der Vormundschaft von Papst Leo X, ihrem Großonkel. Als Katharina nach Frankreich kam, merkte sie bald, dass ihr Gatte im Bann einer 20 Jahre älteren Mätresse, Diana de Poitiers stand. Das ging soweit, dass Heinrich in Italien ein uneheliches Mädchen zeugte, das er Diane nannte. Außerdem hatte er in seinem Königsemblem ein H und ein D. Man konnte dies natürlich als "Henri Deux" (Heinrich der Zweite) deuten, war aber passenderweise gleichzeitig die Initiale seiner Geliebten. Während das Verhältnis anfangs noch diskret war, lebten die beiden es später offen aus. Diesen Voraussetzungen durfte also das 14jährige Mädchen Katharina entgegensehen. Außerdem sah der Adel auf sie herab, weil sie ja nur aus einer Kaufmannfamilie stammte.
Und wenn man um die Kurve biegt,
geht es genau so weiter

Endlich erreichen wir die Anhöhe
und bekommen das Schloss in Sichtweite
Und letztendlich war sie Ausländerin und wurde daher auch vom gewöhnlichen Volk schief angesehen. Es kann natürlich der einen oder anderen Intrige bedürfen, um in einer solchen Situation zu überhaupt zu überleben, ohne verrückt zu werden. Das zeugt höchstens von Intelligenz.
Nachdem Heinrich II mit 40 Jahren bei einem Turnier getötet wurde, wurden drei ihrer Söhne König, nämlich Franz II, Karl IX und Heinrich III. Unbestrittenerweise mischte sich Katharina in die Politik. Sie konnte sich aber auch bei Diana von Poitiers revanchieren. Sie bot der früheren Konkurrentin Chaumont zum Tausch an - gegen Chenonceau, das diese von Heinrich II geschenkt bekommen hatte. Jetzt war Katharina am Drücker und die ehemalige Mätresse musste akzeptieren ...


Mächtig steht das Schloss jetzt vor uns
Niederträchtig und intrigant? Nach einem Leben voller Demütigungen?
Mit Diana sind wir wieder bei der Geschichte des Schlosses angekommen. Sie ließ aus purem Trotz an etlichen Stellen ihr Emblem anbringen, lebte aber kaum in Chaumont und starb sieben Jahre später. Danach kam das Schloss in die Hände diverser bürgerlicher Besitzer, über die nicht so viel zu sagen ist, außer über Jacques-Donatien Le Ray, der das Schloss im 18. Jhd. erworben hatte. Er ließ den gesamten Nordflügel niederreißen, um das Schloss auf diese Art gegen die Loire hin zu öffnen. Natürlich ist der Schlosshof dadurch viel lichter und offener geworden.
Aber gleichzeitig war der Nordflügel zusammen mit dem Westflügel der älteste Teil des Schlosses ... Der Abriss des Nordflügels wird fälschlicherweise oft Nicholas Bertin de Vauguyen zugeschrieben, doch gibt es Dokumente, die zeigen, dass der Flügel noch stand, als de Vauguyen schon gestorben war.

In der Mitte des 18. Jhd. eröffnete Le Ray, der aus Nantes und Oberforstmeister war, in den Nebenbauten des Schlosses eine Glasbläserei und eine Keramikwerkstatt, um Arbeitsplätze zu schaffen. Gleichzeitig jedoch schuf er eine Basis für Künstler, die sich hier verwirklichen konnten. So war z.B. der englische Glasmaler Robert Scott Godfrey hier tätig und der Italiener J.B. Nini, ein Meister der Münzstecherei. Er hinterließ auf Münzformen etwa hundert Porträts von mehr oder weniger berühmten Persönlichkeiten, darunter auch Benjamin Franklin, der sein Freund war und neun Jahre lang in Frankreich lebte.


Die Zugbrücke wird heute noch täglich betätigt


Die Glaskunst ist auf Chaumont aus Tradition fest verwurzelt

Noch vor den Revolutionsjahren hatte Le Ray den Besitz auf seinen Sohn überschrieben, der nunmehr amerikanischer Staatsbürger war (Le Ray hatte auch die amerikanische Freiheitsbewegung unterstützt). So konnte er den Besitz nahezu unbeschadet über die Runden bringen, wohnte aber selbstverständlich weiterhin dort. Sein gleichnamiger Sohn hatte inzwischen in Ohio in den Vereinigten Staaten die Stadt Chaumont gegründet und kam, nach dem Tod des Vaters im Jahr 1803, nur mehr selten nach Frankreich.
1810 hielt sich jedoch ein anderer illustrer Gast im Schloss auf, nämlich die Verfasserin Madame (Germaine) de Staël, da sie nach lautstarker Kritik an Napoleon von diesem aus Paris verbannt worden war. Ein halbes Jahr lang wurde Chaumont nun zu einem literarischen Salon und zu einem Zentrum für die Opposition gegen Napoleon.
Nach neuerlichen Besitzerwechseln kam das Schloss in den Besitz von Vicomte Joseph Walsh, der etliche Restaurierungsarbeiten durchführen ließ.

Ein - recht stilisiertes - Bild der Jeanne d'Arc
So ließ er die Türmchen als Abschluss des Westflügels anbringen und die Zugbrücke wieder herstellen. Aber die Kosten überstiegen seine Verhältnisse und er musste das Schloss wieder verkaufen. 1875 erwarb es Marie-Charlotte-Constance Say und heiratete bald danach den Prinzen Amédée de Broglie. Zusammen restaurierten sie das gesamte Schloss, was runde 25 Jahre dauerte. 1917 starb jedoch Prinz Amédée und als Madame wieder heiratete, war es ihrem neuen Gatten wichtiger sich als Lebemann zu betätigen, als den Besitz zu erhalten. Nach und nach wurden fast 2500 Hektar Land veräußert und 1938 wurde schließlich auch das Schloss selbst an den Staat verkauft.

Abgesehen von den Wandbehängen, die noch aus dem Besitz der Familie Broglie stammen, ist die Einrichtung der Zimmer wenig erwähnenswert, auch wenn der Staat heute versucht, soviel wie möglich gut zu machen. Man hatte kurz nach der Übernahme des Schlosses fast alle Möbel verkauft, bemüht sich aber seitdem, durch Ankauf und Leihgaben aus Museen, die Zimmer wieder zu möblieren.


Die Familie von König Darius bittet
Alexander den Großen um Gnade

Das Zimmer von Ruggieri
Der Kamin im Zimmer des Ruggieri wird anscheinend gerade restauriert, ist aber trotzdem interessant, wegen dem darüber angebrachten Emblem Diana von Poitiers - ein Delta mit drei verschlungenen Kreisen. Ruggieri war der Astrologe von Katharina von Medici - aber es ist nicht sicher, dass es auch wirklich sein Zimmer war.

Die Kapellenfenster sind von 1888 und die Darstellungen erinnern an den Bau des Schlosses.


Ein Blick in die Kapelle des Schlosses

Auf dem Bild ist die Ansicht der Kapelle von der Empore aus gesehen. Der Schlossherr hatte hier einen eigenen Zugang, sodass er der Messe von hier aus beiwohnen konnte.

Chaumont ist keines der wirklich "großen Schlösser an der Loire, aber durchaus einen Besuch wert, allein schon wegen seinem äusseren Aussehen.


Bernhard Kauntz, Västerås 2008



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last update: 24.6.2008 by webmaster@werbeka.com