SCHLOSS SAINT-FARGEAU
Das Exil der Grande Mademoiselle


Saint-Fargeau liegt in Burgund, am Ufer des Loing, knappe 50 Kilometer südöstlich von Auxerre. Fargeau stammt von Fergeau ab, wie Schloss und Dorf noch im 17. Jahrhundert hießen. Fer auf Französisch seinerseits bedeutet Eisen und kommt von den großen Eisenvorkommen in dieser Gegend. Schon zur Römerzeit hieß der Ort Sanctus Ferreolum (Eisen bedeutet ferrum auf Latein).
Der Ort und das Schloss haben eine abwechslungsreiche Geschichte, die mehr als tausend Jahre alt ist. Die ältesten Besitzer sind uns noch vor der ersten Jahrtausendwende bekannt.
Hier ganz kurz die wichtigsten Daten:
Heribert, Bischof von Auxerre und sein Bruder hatten im 10. Jahrhundert hier ein befestigtes Jagdschloss. 1515 kam die Burg durch Heirat in königlichen Besitz der Linie Valois-Anjou.
Der Innenhof vom Schloss Saint-Fargeau


Ein Blick auf die Ländereien, die zum Schloss gehören
1652 wurde "La Grande Mademoiselle" hierher verbannt. Später ging das Schloss an die Familie Lepeletier, die noch einen Flügel anbauen ließ. Heute gehört es einem französischen Schauspieler, Michel Guyot. Die Bevölkerung des Dorfes ist seit Jahrzehnten rückläufig und besteht nur mehr aus gut 1500 Personen.
Im Sommer wird im Umfeld des Schlosses eine geschichtliche Show aufgeführt, die aus fünfzehn verschiedenen Szenen aus zehn Jahrhunderten besteht und an der mehr als 600 Schauspieler teilnehmen. Außerdem kann man im Schloss ein Gästezimmer mieten, um dort in gehobenem Milieu zu übernachten.
Eine Führung im Schloss (allerdings nur Französisch) dauert etwa eine halbe Stunde und führt durch Gemächer, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt. Der Rest des Schloss ist frei zu besichtigen, aber er enthält ebenfalls sehr ausführliche Details.
Die Führung geht nur durch fünf oder sechs Räume, die La Grande Mademoiselle bewohnt haben soll. Wieviel davon auf die Restaurierung aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht, weiß man nicht.
  Die Möbel sind zwar so staubig, als ob sie schon dreihundert Jahre lang nicht gereinigt worden wären, aber zum Beispiel die Fotos auf dem Kaminsims zeigen, dass wenigstens diese nicht aus ihrer Zeit stammen. Eindrucksvoller ist dann schon die Bibliothek mit mehr als 2000 Bänden. Allerdings wurde auch hier der größte Teil im 19. Jahrhundert gesammelt. Wenn man andererseits bedenkt, dass die Führung schon im Eintrittspreis inbegriffen war, sollte man vielleicht nicht zuviel verlangen.

     

Aber kehren wir zunächst zurück zur Grande Mademoiselle. Es gibt im Dorf sogar eine "Straße der Grande Mademoiselle". Im Schloss wird sie ebenfalls nur mit "La Grande Mademoiselle" angesprochen. Wir können also annehmen, dass sie für Schloss und Dorf nicht nur bedeutungsvoll, sondern dort wahrscheinlich auch recht beliebt war. Um herauszufinden, wer sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, muss man ein wenig nachforschen.
Sie war die Herzogin von Montpensier Anne Marie Louise d' Orléans, eine Nichte von König Ludwig XIII. Geboren wurde sie im Louvre, am 29. Mai 1627. Ihr Vater war ein Bruder von König Ludwig XIII. Das heißt, dass sie, bis Ludwig XIV elf Jahre später geboren wurde, zum allerersten Kreis der Hochwohlgeborenen zählte. Niemand glaubte damals wohl mehr, dass Ludwig XIII und Königin Anna von Österreich nach dreiundzwanzig Ehejahren noch einen Nachkommen zeugen würden. Persönlich gesehen muss es für die Grande Mademoiselle ein großer, psychologischer Schlag gewesen sein, plötzlich auf ein Nebengleis gestellt zu werden. Im Jahr 1643 starb Ludwig XIII plötzlich.

Die Führung endet beim Festsaal
Seine Gattin, Anna von Österreich, übernahm die Vormundsregierung für ihren gemeinsamen Sohn. Dies schien die Königsmacht zu schwächen und der Adel sah eine Möglichkeit, die eigene Stellung zu verbessern. Kein Wunder, dass sich die enttäuschte Anne Marie Louise ebenfalls gegen das Königshaus stellte, ja vielleicht sogar eigene Thronhoffnungen hegte. 1650 kam es dann zur sogenannten "Fronde des princes", einer offenen Erhebung des Adels, dem sich Anne Marie Louise sogar tatkräftig anschloss und eine Armee gegen Kardinal Mazarin, den im Volk unbeliebten Ratgeber des Königs, kommandierte. Allein, die Anhänger des Königs gewannen die Oberhand und die Rädelsführer wurden aus Paris verwiesen. Dasselbe Schicksal teilte unsere Mademoiselle - sie wurde von ihrem Cousin, der schon als Dreizehnjähriger König geworden war, im November 1652 nach Saint-Fargeau verbannt.
Anne Marie Louise war aber nicht zuletzt auch intellektuell äußerst begabt, was es ihr im Leben sicher nicht leichter machte. So wies sie zum Beispiel alle Vorschläge einer politischen Hochzeit ab - die nicht zuletzt von ihrem Cousin kamen - und wollte ihren Gatten selbst wählen.

Die Besucher werden darauf hingewiesen, dass man
auf dem Dachstuhl die Holzarbeiten bewundern kann.
Mir persönlich war dies keine Offenbarung ...
Frühe mögliche Verbindungen zerschlugen sich aber, vielleicht nicht zuletzt wegen ihres Intellektes. Erst vierzigjährig traf sie den Mann ihres Herzens, Antoine Nompar de Caumont, Herzog von Lauzun - und das bei der politischen Hochzeit des Sonnenkönigs mit der Habsburgerin Maria Theresia von Spanien. Da war sie bereits wieder am Hof zugelassen. Im Jahr darauf schlug Ludwig XIV ihr neuerlich eine Ehe vor, diesmal mit dem König von Portugal, aber die Grande Mademoiselle verwarf auch diesen Mann. Als Strafe wurde sie da wieder ein Jahr lang nach Saint Fargeau verwiesen.
Sie schrieb gern und hinterließ ihre Memoiren, aus denen wir viele persönliche Wertschätzungen herauslesen können. So erzählt sie von ihrer Ankunft auf Saint-Fargeau:
"Wir mussten die Füße auf die blanke Erde setzen, die Brücke war kaputt, ich trat in ein altes Haus ein, in dem es weder Türen noch Fenster gab und das Unkraut im Hof kniehoch stand! Ich fühlte mich schrecklich. Man wies mir einen hässlichen Raum an, in dem ein Pfahl mitten im Zimmer stand. Die Angst, das Entsetzen und der Kummer erschreckten mich dermaßen, dass ich zu weinen anfing."
Aber schon nach ein paar Tagen erschien das Schloss nicht mehr so abweisend und Mademoiselle beschloss, es restaurieren zu lassen.

Die Mademoiselle als Allegorie der Gerechtigkeit und
der Umsicht, von Louis Ferdinand Elle.
Sie holte Francois Le Vau aus Paris als Baumeister. Letzterer entwarf auch die Pläne für einen französischen Garten, der ein Vorgänger des heutigen - im englischen Stil - war.
Und die Mademoiselle entschloss sich auch, ihren eigenen Hof in Saint-Fargeau zu gründen. Sie ließ ein Theater bauen und schon im Winter des folgenden Jahres verkürzte eine Theatergruppe aus Auxerre die langen Abende. In ihrer Küche entdeckte sie auch Lulli, einen Küchenjungen, der Violine spielen konnte. Er würde sie später, nach Ablauf ihres Strafexils, auch weiterhin begleiten. Sie entdeckte auch eine Vorliebe für englische Treibjagden mit Hunden und Jagdhörnern.
Endlich willigte Ludwig XIV in ihre Hochzeit mit Herzog Lauzun ein, aber er änderte seine Ansicht, als der gesamte Hof in Aufruhr geriet. So schrieb zum Beispiel Madame de Sévigné an ihre Tochter, Madame de Grignan:
"Ich werde dir etwas erzählen, das höchst erstaunlich, ganz fabelhaft, vollkommen unerhört, höchst außergewöhnlich, unglaublich einzigartig und absolut unwahrscheinlich und äußerst unerwartet ist  ... etwas, das die ganze Welt nach Barmherzigkeit schreien lässt ... etwas, dass sich am Sonntag zutrug, aber das am Montag noch nicht vorbei sein war ...

Diese Stiege zum Oberstock wurde schon von der Mademoiselle in Auftrag gegeben
Monsieur de Lauzun heiratet Mademoiselle, la Grande Mademoiselle, Mademoiselle, Enkelin von Heinrich IV, direkte Cousine des Königs, Mademoiselle, die für den Thron bestimmt war ..."
Statt dessen ließ der König den guten Herzog wegen einer Ehrenbeleidigung an Madame de Montespan ins Gefängnis stecken, wo er etliche Jahre verbringen musste, bevor ihn Anne Marie Louise durch Pönale wieder frei bekommen konnte. Dann heirateten die beiden heimlich, als Mademoiselle schon 54 Jahre zählte. Sie überschrieb einen Teil ihrer Besitztümer auf ihren Geliebten, auch das Schloss Saint Fargeau, das ihm aber gar nicht gefiel. Aber die ganze Ehe wurde nicht glücklich, sondern Mademoiselle verließ ihren Gatten 1684, nur drei Jahre nach der Hochzeit. Die letzten Jahre verbrachte sie damit, die angefangenen Memoiren weiter zu schreiben. Mademoiselle starb am 5. April 1693 in Paris, als sie 66 Jahre alt war.
1715 verkaufte der Herzog von Lauzun das Schloss an Antoine Crozat, von dem es an die Familie Lepeletier überging, von der vor allem Louis Michel Lepeletier zu erwähnen ist. Er erbte den Besitz 1768, als sein Vater starb, da er nur achtzehn Jahre alt war.
Vom Korridor zur Außenstiege gehen einige Räume weg, die man mit Wachsfiguren so ausgestattet hat, wie es zur Zeit der Mademoiselle ausgesehen haben könnte. Auch im Oberstock hat man einen Gesellschaftsraum eingerichtet, der das Leben der damaligen Zeit zeigen könnte ...
  Der Gesamteindruck des Schlosses ist positiv - auch wenn man einmal abstauben könnte, oder einige der arg mitgenommenen Bilder entfernen könnte. Es freute mich zwar, ein Photo der Stephanskirche meiner Heimatstadt (aus dem Jahr 1872) zu finden, aber es war fleckig und ohne Rahmen - für Besucher die nicht gerade aus Wien sind, ist dies kaum sehenswert. Wenn außerdem auch die Führung nicht das Gelbe vom Ei war, ist ein Besuch im Schloss dennoch durchaus empfehlenswert, weil es teils mit interessanter Information aufwartet, teils auch mit netten Details.

Bernhard Kauntz, Wolvertem 2011



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last update: 17.11.2011 by webmaster@werbeka.com