Wien 6., Naschmarkt


 

Der Marktplatz ist ein früher und wichtiger Ausdruck einer Kulturgesellschaft. Schon in ganz alten Siedlungen bot er Möglichkeit zum direkten Handel und zum sozialen Umgang, weil man sich dort auch auf einen Tratsch treffen, bzw. die neuesten Nachrichten verbreiten konnte. Außerdem war das Feilschen um den Preis weder kleinlich oder demütigend, wie es heute Westländer oft empfinden, noch ein erwarteter Teil eines Kaufes, wie es im Osten heute weit verbreitet ist. Sondern es ging darum, dass sich Anbieter und Käufer auf einen Preis einigen konnten, mit dem beide zufrieden waren, oder wenigstens damit leben konnten. Wie anders ist es doch heute in unseren sterilen Supermärkten, die das Wort "Markt" ja gar nicht verdienen ... Denn dort hat eigentlich nur mehr der Verkäufer das Sagen, der gestresste Kunde greift häufig sogar ohne Preisvergleich zu Markenwaren, die ihm aus der Werbung bekannt sind und bezahlt auf diese Art auch gleich die teuren Werbekosten mit.
Am Markt ist der Kunde noch gleichberechtigt, weil er die Frische und die Güte der Waren beim nächsten Stand gleich nebenan vergleichen kann, bis er gefunden hat, was ihm als richtiges Preis/Leistungsverhältnis erscheint.

 

Dass der Name "Naschmarkt" sich von einem früheren "Asch(en)markt" ableitet, darüber ist man sich einig. Ob mit Asch jedoch Asche gemeint ist, die früher dort verkauft wurde, oder die Asch, also das Gefäß aus Eschenholz, in dem man zum Beispiel Milch kaufte - darüber streiten sich die Geister. Ebenso ist es zweifelhaft, ob das heutige "N" am Anfang des Namens wirklich von den Näschereien herstammt, die man dort kaufen kann. Es ist eher anzunehmen, dass es sich hier um eine aussprachliche Assimilation, also Angleichung handelt. Wenn der Wiener sagt: "I geh' auf'n Aschmarkt einkaufen", kann man nicht unterscheiden, ob er "Asch" oder "Nasch" sagt. Und nachdem dort später weder Asche verkauft wurde und die Aschen von der Milchkanne verdrängt wurden, verschwand eben die alte Bezeichnung immer mehr.

 

Wie dem auch sei, an den Ufern des Wienflusses befand sich schon vor hunderten Jahren ein Einkaufszentrum. Heute, nachdem die Wien, der Fluss, nach dem die Stadt ihren Namen hat, überdacht worden ist, hat der Naschmarkt von dem auf diese Art neugewonnenen Terrain Besitz ergriffen. Kaum jemand denkt heute daran, dass unter ihm die Wasser des Flusses vorbeirinnen, wenn er sich auf dem Naschmarkt befindet.
Vor einigen Jahrzehnten, eben als die Supermärkte überall emporschossen, schien auch der Naschmarkt dem Tod geweiht zu sein. Er siechte jahrelang dahin, immer mehr Stände mussten schließen, als plötzlich neue Interessenten dem Markt wieder zum Leben verhalfen. Geschäftsleute orientalischen Ursprungs begannen jetzt ihre Waren anzubieten und existieren heute in friedlichem Nebeneinander mit den einheimischen Gewerbetreibenden, die von dem neuerlichen Aufschwung und Kundenandrang natürlich auch profitierten. So kann man heute neben Obst und Gemüse aus der Umgebung Wiens auch in Weinblätter eingepackten Schafkäse, Oliven jeder Art, orientalische Süßigkeiten und jede Menge Gewürze dort erstehen.

 

Es gibt aber durchaus auch Händler mit "schmalen" Produkten, wie zum Beispiel einen Stand für Wiener Brotspezialitäten oder einen Essigladen, wo man Essig jeder erdenklicher Herkunft und Produktionsart findet. Über all dies wacht das 1839 erschaffene Marktamt, das heute außerdem noch eine für den Naschmarkt interessante Nebenaufgabe hat. Jeden Samstag wird nämlich am oberen Ende des Naschmarkts ein Flohmarkt veranstaltet, wo jede Person bis zu drei Mal pro Jahr um einen Platz ansuchen und dort Waren verkaufen darf. Ein kleiner Platz kostet 18 Euro pro Tag, ein größerer, sechseinhalb Quadratmeter großer, das Doppelte.

 

Das Gedränge am Flohmarkt ist legendär und man sollte genug Zeit haben, um warten zu können, bis sich die Menschenmenge weiterschiebt, um einen guten Überblick über die einzelnen Verkaufstische zu bekommen. Hand- und Brieftaschen sollten auch unter strenger Aufsicht gehandhabt werden, denn gerade im Gewühl wird es Taschendieben leicht gemacht. Im Prinzip gibt es hier alles, was man sich nur erdenken kann. Von Zeitungen aus dem ersten Weltkrieg über alte Türschlösser, Schmuckstücke, Spielzeug, Bücher und Kleider bis hin zum letzten Hemdknopf ist hier alles erhältlich - man muss sich nur Zeit nehmen, um danach zu suchen.

 

Natürlich ist viel Tand darunter, aber es ist auch ein Fundort für Sammler aller Art und so manch einer hat hier schon ein Schnäppchen gefunden. Denn billig ist es, und wenn nicht, dann geht man eben weiter zum nächsten Stand. Stand und Stand übrigens... Auch wenn die Ware normalerweise auf Tischen liegt - wenn man keinen Tisch zur Verfügung hat, kann man sich auch auf dem Boden ausbreiten. Ob das dann wieder einen guten Eindruck macht und ob man damit viel Verkaufserfolg hat, ist eine andere Frage.

 

Manchmal muss man auch lächeln, wenn man durch den Flohmarkt streift. Mein persönlicher Favorit ist das Schild der Straßenbahnlinie 5, das so herrlich an alte Zeiten erinnert ...

Ist man nach dem Schau- oder Einkaufsbummel müde, gibt es teils im Naschmarkt selbst, teils an den umliegenden Straßenecken genügend Lokale, um die Beine auszustrecken oder den Durst zu löschen. Die "Sopherl am Naschmarkt" ist eines dieser Lokale, das seinen Namen aus der Tradition holt, denn mit "Sopherl" wurden früher die Marktverkäuferinnen bezeichnet, die lautstark ihren Waren anpriesen.
Leider ist in letzter Zeit in Wien in einigen Lokalen eine Unsitte ausgebrochen, der besonders gern Touristen zum Opfer fallen. Denn beim Bezahlen wird nicht immer der Preis verrechnet, der auf der Speisekarte angegeben ist, sondern es wird vom Kellner ein privates "Trinkgeld" schon dazugeschlagen. Ich bitte hier alle ehrlichen Kellner und Serviererinnen um Entschuldigung, denn die Mehrzahl würde sich weigern, an so etwas auch nur zu denken. Natürlich sind es immer nur ein paar Leute, die eine ganze Gruppe in Verruf bringen, aber das ist eine Frechheit, die erwähnt werden muss. Nicht zuletzt in einem Kapitel, das über den freien Handel und die Zufriedenheit von Anbieter und Kunde handelt.


Bernhard Kauntz, Wien 2005



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