Wien 2., Prater Hauptallee


Die Prater Hauptallee ist ein Unikum. Vier Kilometer lang führt sie schnurgerade vom Praterstern zum Lusthaus. Bevor wir unseren Spaziergang beginnen, jedoch ein paar Worte über den Prater. Wenn ein Wiener "Prater" sagt, meint er im Allgemeinen den "Wurstelprater", den Vergnügungspark von Wien. Aber das Gebiet des Praters ist viel größer. Es umfasst das Tiefland und die Auwälder rechts der Donau. 1403 wird der Prater in einer Urkunde Albrechts IV erstmals erwähnt. Es diente dann den Habsburgern als Jagdrevier. 1537/38 ließ Kaiser Ferdinand I die heutige Hauptallee schlägern und 1560 ließ Maximilian II das Gebiet einzäunen. Erst gut 200 Jahre später gab Joseph II den Prater der Bevölkerung frei. Danach erfreute sich die Hauptallee über einen ständigen Strom von Besuchern, die die lange Straße zum Spazierengehen oder für sportlichere Aktivitäten benutzen. Heute sieht man Leute, die joggen oder reiten, mit dem Skateboard oder Rad fahren, oder sich eines der Tretautos mieten, um die herrliche Natur zu genießen. 1984 wurde hier auch der erste "Vienna City-Marathon" gestartet.
Hier wurde aber auch Kultur- und Sozialgeschichte geschrieben ... In der Hauptallee fand 1890 die erste Arbeiterdemonstration am ersten Mai statt. Erst 1919 wurde diese Kundgebung auf die Ringstraße verlegt. Damals war das beispielgebend für die Arbeiterbewegungen in Europa. Dies ist nur eines der Beispiele, das gegen die Geschichte spricht, die uns weismachen will, dass Österreich unter der Kaiserzeit sozial und industriell rückständig war.
Die Straße hat aber auch Musikgeschichte gemacht. So gab Beethoven hier in einem Kaffeehaus 1814 seine letzte öffentliche Klaviervorstellung. Ein gutes halbes Jahrhundert später entstand das "Fiakerlied" von Gustav Pick, das der Schauspieler Alexander Girardi bei der Premiere vortrug. Die Fiaker, eine zweispännige Pferdekutsche, gibt es ja heute noch im Stadtverkehr, auch wenn sie nunmehr nur mehr zu festlichen Anlässen und von Touristen gemietet werden. Indirekt bezieht das Lied auch die Hauptallee mit ein - heißt es doch im Text: "Vom Lamm zum Lusthaus fahr' i in zwölf Minuten hin ..."
Mit dem "Lamm" ist das Gasthaus "Zum Goldenen Lamm" an der Schwedenbrücke gemeint und das Lusthaus steht am anderen Ende unserer Straße. Daraus ergibt sich auch, dass sich die Fiaker damals, als es noch nicht so viel Verkehr gab, immerhin etwa mit dreißig Stundenkilometern fortbewegten. Verkehr übrigens ... Seit 1964 herrscht auf der Hauptallee Fahrverbot für Autos. Ein anderes Verbot, dass sich auf diese Straße bezog, trat 1818 in Kraft, nämlich ein Rauchverbot. Öffentliches Rauchen war damals nicht gern gesehen - und wir sind heute wieder auf dem besten Weg dorthin. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne.
Wir haben jetzt schon ein Stück des Weges und den Wurstelprater hinter uns und kommen an einer Gedenktafel vorbei, die an den Bau des Wiener Stadions erinnert. Im Hintergrund zwischen den Bäumen sieht man auch das weiße Oval des vormaligen Prater-Stadions, das heute dem großartigen Verteidiger der Fünfzigerjahre und späterem Meistermacher und Nationaltrainer Ernst Happel gewidmet ist.
Das erste Fußballländerspiel fand übrigens erst drei Jahre später im Stadion statt, am 13. September 1931. Österreich war damals eine Fußballgroßmacht und siegte über Deutschland mit 5-0! Das Stadion wird aber auch zu allerlei Sportkämpfen anderer Art, sowie zu Musikdarbietungen genutzt.
Bald danach passieren wir einen alten Donauarm, der daran erinnert, dass die Donau noch vor einem guten Jahrhundert, bis 1870, völlig frei und wild einherfloss. Sie suchte sich selbst ihren Weg und breitete sich über viele Arme aus. Bei der Regulierung im 19. Jahrhundert schuf man ein neues, 280 m breites, nämlich das heutige Flussbett und das Überschwemmungsgebiet auf der linken Donauseite, das die Stadt vor Überschwemmungen schützen sollte. Das half, aber nicht immer. 1954, beim Hochwasser meiner Kindheit, flossen unwahrscheinliche 9600 Kubikmeter Wasser pro Sekunde(!) durch die Donau. Das war auch dem Überschwemmungsgebiet zuviel und 1972 - 1988 schuf man die "Neue Donau", ein zweites Flussbett.
Die so entstandene Donauinsel ist heute ein beliebtes Badeziel der Wiener und die Neue Donau bewahrte Wien 2002 vor einer neuerlichen Katastrophe, als die Donau sogar 11000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde mit sich führte. Das entspricht 11 Millionen Litern! Pro Sekunde ...
Wir nähern uns dem Ende der Hauptallee, die vom Lusthaus markiert wird. Es gab hier einen Vorgänger, das "grüne Lusthaus", das von Maximilian II schon 1566 erbaut wurde. Das heutige Lusthaus verdanken wir Kaiser Joseph II, der es von Isidore Canevale erbauen ließ. Wie so vieles Andere wurde das Lusthaus 1945 von einer Bombe getroffen und dessen hinterer Teil zerstört. Vergessen Sie nicht, dass fast bei jeder Bombe, die irgendwo auf der Welt fällt - auch heute - Dinge zerstört werden, oft viel wichtigere Dinge als es das Lusthaus ist. Und viel zu oft auch menschliches Leben.

Bernhard Kauntz, Wien 2005



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