Wien 7., Spittelberg


Der Spittelberg liegt im siebenten Bezirk auf einer kleinen Anhöhe - von Berg zu sprechen ist ein wenig übertrieben. Der Hügel wird an den Längsseiten von der Burggasse und der Siebensterngasse begrenzt, an den Schmalseiten sind Breite Gasse und Neubaugasse die Grenzen der Anhöhe. Im Allgemeinen meint man jedoch das Viertel zwischen Breite Gasse und Stiftsgasse, wenn man heute vom "Spittelberg" spricht. Dort hat man nämlich eine Fußgängerzone errichtet, als man in den Siebzigerjahren ... Aber lassen Sie mich am Anfang anfangen.

Die Besiedlung des Spittelbergs geht schon Jahrhunderte zurück. Damals, als Wien noch mit einer Stadtmauer umgeben war, war das Gebiet ein Vorort von Wien, wenngleich auch in ziemlicher Nähe der Stadt. Dort wohnten hauptsächlich Gärtner und Landarbeiter, die die Stadt mit den Früchten des Ackerbaus versorgten. Jene kamen oft von den Balkanländern der Monarchie, was auch der (heute) abfällige Name "Krowotndörfl" noch bestätigt. "Krowot" ist eine Verdeutschung des kroatischen "Hrvat" und bedeutet eben Kroate.

Allerdings wird es auch als Sammelbezeichnung für alle Bewohner des Balkans gebraucht, der Wiener ist hier nicht so wählerisch ...

Lagemäßig war der Spittelberg ein strategischer Punkt, was 1683 auch die Türken einsahen. Wie die meisten Dörfer außerhalb Wiens plünderten und verbrannten sie den Baubestand hier und benutzten den Hügel, um nach Wien hinein zu schießen. Dieselbe Strategie verwendete übrigens auch 1809 Napoleon, als er Wien angriff. Nach der Türkenbelagerung war dieses verwüstete Gebiet vermutlich billig zu haben, daher wurde es 1692 vom Bürgerspital aufgekauft, was auch zu dem Namen "Spitalberg" führte.
Wieder wurde das umliegende Gebiet landwirtschaftlich genutzt und der Spittelberg wieder hauptsächlich von armen Leuten bewohnt. Das führte zu enger Bebauung mit schmalen Gassen und ohne Grünflächen dazwischen. Daher galt das Viertel als ungesunder Lebensraum und wurde bald als Rotlicht-Viertel berühmt-berüchtigt, Ort vieler Spelunken und anderer Halunken.

Natürlich übte das "Wiener St. Pauli" oder der "Montmartre von Wien" eine nicht geringe Anziehungskraft aus, nicht zuletzt auf die Bediensteten der Kaiser, schloss es doch übergangslos an die kaiserlichen Hofstallungen (das heutige Museumsquartier) an. Im Gasthaus der Witwe Nolte kann man heute noch folgenden Spruch lesen: "Durch diesen Bogen ist Josef rausgeflogen." Damit meint man Kaiser Joseph II, den Sohn Maria Theresias, der zwischen 1780 und 1790 regierte. Was Joseph dort wollte, überlasse ich der Vorstellungskraft meiner Leser.
1795 kam der Spittelberg in den Besitz der Gemeinde Wien, 1850 wurde er Teil des sechsten, 1861 Teil des siebenten Bezirks. Die Vorstädte wurden ja damals ein Teil der Stadt Wien, als man die Stadtmauern schleifen ließ. Der Bezirksname des siebenten Bezirks, "Neubau", lässt auch Rückschlüsse zu. Noch immer wurde eng und ohne nennenswerte Grünflächen gebaut und der Spittelberg bekam einen Ruf als Kulturviertel, nicht zuletzt weil in der Biedermeierzeit das Treiben der Freudenmädchen weniger in den Vordergrund trat.
Der Name des Gasthauses "Zu ebener Erde und im ersten Stock" trägt wohl nicht zufällig denselben Namen wie ein Stück von Johann Nestroy, dem urtypischen Bühnendichter aus Wien. Ein Stück weiter oben am Berg wurde der Maler Friedrich von Amerling geboren, der aus einer Familie von Kunsthandwerkern stammt. Auf das heute noch bewahrte Amerlinghaus werden wir noch zu sprechen kommen.

Der Zahn der Zeit nagte aber auch an den "neuen Bauten", das Viertel verfiel wieder und bekam allmählich seinen schlechten Ruf zurück. Gaukler, Straßenkünstler und nicht zuletzt das horizontale Gewerbe erlebten erneut einen Aufschwung, besonders nach dem ersten Weltkrieg. Zahlreiche Familienväter waren gefallen und konnten daher die Ihren nicht mehr ernähren, der Frauenüberschuss und ungenügendes Einkommen trieb die Mädchen wieder auf die Straße. Die Wirtschaftkrise und der zweite Weltkrieg taten ein Übriges. Der Spittelberg diente nachher wieder hauptsächlich als unzulängliche Behausung für eingewanderte Gastarbeiter. Ja, nicht einmal das. Das Viertel war so baufällig, dass man es abreißen wollte.

Man wollte hier moderne Hochhäuser bauen. Und jetzt kommt wieder das Amerlinghaus ins Spiel. In den Siebzigerjahren des 20. Jhd. wurde das Haus von Alternativgruppen okkupiert, die schließlich erreichten, dass man den alten Baubestand beibehielt und das ganze Viertel renovierte.

Im Innenhof des Amerlinghauses ist heute das "Amerlingbeisl", eine einfache Gaststätte mit origineller Umrahmung. Aber auch andere Lokale haben sich am Spittelberg angesiedelt, bis hin zum Haubenrestaurant. Auch seine Bewohner führen gewissermaßen die Tradition fort. Hier findet man wieder Künstler und Kunsthandwerker aller Art und es gibt Kramläden und Alternativshops.
Die Nähe zum Museumsquartier ist heute jedoch problematisch, weil das dortige Gastgewerbe viele Kunden "stiehlt". Wenn Sie aber im Museumsquartier sind, gehen sie doch die paar Gassen hinauf - Sie finden hier ein Stück altes Wien. Erwarten Sie keinen Montmartre - den gibt es in Paris. Wien ist anders. Der Spittelberg mit seiner Geschichte ist aber durchaus sehenswert.


Bernhard Kauntz, Wien 2005



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