Wien 1., Das Römermuseum am Hohen Markt


Vindobona war ein Heerlager der Römer am Limes, der Verteidigungsanlage entlang der Donau, die das Reich gegen die Stämme der Germanen im Norden absichern sollte. Ein paar hundert Jahre später enstand auf den Resten dieses Lagers die Stadt Wien, sodass ein großer Teil der Altstadt, des heutigen ersten Bezirks auf römischen Ruinen steht. Die damalige, kleine Zivilstadt mit vornehmen Landhäusern in ländlicher Umgebung lag südöstlich davon, langgestreckt zu beiden Seiten des heutigen Rennwegs.
Zu dieser Zeit, im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, war jedoch Carnuntum, etwa 40 Kilometer östlich von hier belegen, eine viel wichtigere Römerstadt.
Gleich beim Eingang finden wir einen Abguss einer Grabstele, die, zwischen den Jahren 6 und 41 datiert, den ältesten Beweis dafür ausmacht, dass römische Truppen hier anwesend waren.
Der Text besagt, dass "C(aius) Atius, Q(uintus) S(ohn), (aus dem Stamm der) Anie(n)s, Soldat der 15. Legion Apol(l)inaris, der Jahre 28, der Dienstjahre 10, h(ier) b(egraben) i(st).
Interessant ist die Schreibweise XXIIX, also mit zwei dem letzten Zehner vorgestellten Ziffern. Aber es ist natürlich kürzer und daher mehr Platz und Arbeit sparend, als XXVIII.
 
Die Erklärungen im Museum sind - auf Deutsch und Englisch - sehr ausführlich, sodass man es selbst und in aller Ruhe ansehen kann. Egal ob es sich um Palisadenhölzer aus der Verteidigungsanlage oder um den Legionsadler in Stein handelt, die Dinge sind fast 2000 Jahre alt!
Aber nicht nur solch grobgehauene Dinge wurden gefunden - hier sind Bruchstücke einer Wandmalerei aus dem ersten Jahrhundert zu sehen. Sie zeigt eine Szene aus der Ilias, da die Göttin Thetis zu Hephaistos kommt, weil sie ihn um Waffen für ihren Sohn Achilleus bitten will.
Mit Hilfe von Schildern, sowie Wandtexten und -zeichnungen wird erklärt, wie es in einem Römerlager ausgesehen hat. Im Zentrum, wo sich die Hauptstraßen kreuzten, lag das Kommandozentrum (Principia) und rund um den Hauptplatz andere öffentliche Gebäude, wie die Versammlungshalle (Basilica). Im Praetorium gleich daneben wohnte der Legionskommandant mit seiner Familie, Dienern und Sklaven.
Im Bild sehen wir einen Altar für Jupiter, Apollo, Sirona und Äskulap. Er wurde vom Legionszenturio P. Aelius Lucius gestiftet, um sein Gelübde einzulösen, wie der Text besagt. Interessant ist, dass Sirona eine altkeltische Göttin ist, der man also am selben Altar opfern konnte, wie Jupiter und Apollo. Sie war eine Göttin der Heilung, wie ja auch Äskulap. Da liegt es nicht fern, anzunehmen, dass der Zenturio um die Heilung seiner selbst oder eines Nahestehenden gebeten hatte, als er sein Gelübde machte.
Hier sehen wir eine (von vier) Platten von einem Waffenfries, vermutlich von der Einfahrt des östlichen Lagertores. Sie wurden 1895 beim Abbruch der Häuser Kramergasse 4-6 gefunden.
Das Lager hatte natürlich auch Tribunenhäuser, wo die höchsten Offiziere und deren Familien wohnten. Außerdem gab es selbstverständlich ein Spital (Valetudinarium), wo die Kranken und Verwundeten von Ärzten und Arzthelfern betreut wurden. Ein Lager ohne Therme war undenkbar, die Bäder waren zur Römerzeit ja nicht zuletzt eine soziale Einrichtung. Es gab auch eine eigene Werkstatt (Fabrica), wo Waffen und Ausrüstungsgegenstände hergestellt wurden.
Der Hauptanteil der Gebäude im Lager wurde logischerweise von den Kasernen getragen. Etwa 6000 Mann lebten dort, pro Haus an die hundert, die bis zu acht Mann ein Zimmer belegten. Jedes Haus war gleichzeitig eine Zenturie, eine Hundertschaft, der ein Zenturio vorstand. Der Zenturio hatte eine eigene Wohnung am Kopfende jeder Kaserne.
Dann geht die Besichtigung im Keller weiter. Dort gibt es zunächst einen Lageplan an der Wand, bei dem die Beschriftung sagt: "Am 9. September 1948 stießen Arbeiter der Gemeinde Wien bei der Anlage eines Kanalschachtes auf die hier befindlichen Ruinen.
Sie sind Teile zweier Stabsoffiziersquartiere des römischen Legionslagers Vindobona."
Auf dem Bild ist auch die Beheizungsanlage gut zu sehen. Die Tribunenhäuser waren zum großen Teil mit Fußboden und Wandheizungen versehen. Unter dem Fußboden baute man mit flachen Ziegeln Hohlräume auf und in den Wänden verwendete man Hohlziegel, sodass die heiße Luft überall zirkulieren konnte. Der Boden war massiv und die Wände verputzt, sodass kein Rauch in die Zimmer dringen konnte. Die Feuerstelle selbst konnte sich außerhalb des Hauses, oft sogar im Hof befinden.
Das größte der Tribunenhäuser in Vidobona maß 3500 Quadratmeter und gehörte dem ranghöchsten Offizier. Er war Stellvertreter des Lagerkommandanten und ihm oblag die körperliche Erziehung der Soldaten. Außerdem hatte er Verwaltungs- und Rechtsprechungsaufgaben.
1913 fand man ein Kanalgitter an der Ecke Naglergasse/Am Hof. Hier befand sich die Via vallaris, die entlang der Lagermauer verlief und unter der sich einer der Hauptkanäle des Lagers befand. Das Kanalsystem war schon zur Zeit des Lageraufbaus eingeplant gewesen.
Im ersten Jahrhundert verdiente ein Soldat etwa 225 Denare im Jahr, ein Zenturio immerhin schon 3750. Ein Offizier erreichte einen Sold bis zu 20.000 und der Lagerkommandant bis zu 50.000 Denare. Die ungleiche Einkommensverteilung unserer Tage hat also schon klassische Ahnen ...
Ein Teil der Soldaten war während Friedenszeiten vom Heer entledigt und konnte anderen Berufen nachgehen. Dazu gehörten natürlich die Waffenproduktion und andere militärische Aufgaben innerhalb des Lagers.

Aber auch die Versorgung der Truppen und die Produktion verschiedener Rohstoffe wurde von ihnen erledigt. Das ergab einen natürlichen Kontakt mit der Zivilbevölkerung.

Das oberste Stockwerk des Museums zeigt und erklärt schließlich die Zivilstadt. Man beschreibt auch mit heutigen Adressen, wo man die diversen Funde gemacht hat. So lag am Rennweg 16 ein Gasthaus, während in der Schützengasse 24 eine Bäckerei gefunden wurde. Natürlich gab es auch andere Handwerker, wie auch ein Forum, einen Tempel und eine Therme. Man schätzt, dass fünf- bis zehntausend Menschen in der Zivilstadt lebten.
Die Funde hier sind natürlich teilweise anderer Art. Tägliche Gebrauchsgegenstände und Schmuck sind viel stärker vertreten. Besonders gut gefällt mir die Gegenüberstellung von unseren heutigen alltäglichen Hilfsmitteln und denen von vor 2000 Jahren.

Zur Ausstellung gehören auch ein paar Computer, die Animationsfilme zeigen, beziehungsweise als Nachschlagewerk dienen, deren Inhalt man aber hier nicht wiedergeben kann.

Links im Bild sehen wir eine Fibel, die sowohl Gebrauchsgegenstand, Schmuckstück und Amulett war. Teils verwendete man Fibeln, um die Kleidung zusammenzuhalten, teils ist diese Scheibenfibel schön ausgearbeitet und wurde deshalb sicher auch verwendet, um sich damit zu schmücken. Letztlich aber zeigt sie ein Abbild des Flussgottes Danuvius, also der Donau, vermutlich um den Träger von ihren wilden Wassern zu schützen.
Ketten, Armreifen und Ohrringe waren Schmuckstücke der Frauen, ebenso wie heute. Der Gebrauch von Ringen war bei beiden Geschlechtern beliebt, während Kinder hauptsächlich von Amuletten beschützt wurden.

Alt wurde man nicht, im alten Rom. Bei einer Untersuchung von 740 Grabinschriften zwischen Wien und Budapest fand man ein Durchschnittsalter von 36 Jahren. Wenn man die hohe Kindersterblichkeit abzieht, erhöht sich das Lebensalter um einige Jahre, bleibt aber auf sehr mäßigen 41 stehen.
Es war nicht erlaubt, die Toten in der Stadt zu begraben. Daher wurden die Gräberfelder entlang der Hauptstraßen außerhalb der Stadt angelegt. Schon damals war aber auch das Grab ein Statussymbol. Vermögende Familien konnten sich schönere Grabbauten leisten. Daher konnten Reisende schon auf dem Weg zur Stadt ausmachen, welche Familien dort das Sagen hatten.
Hier im Bild sehen wir einen Kindersarkophag aus Sandstein, der 1879 bei der Votivkirche gefunden wurde. Als Grabbeigaben fand man fünf Silberringe, einen Tonbecher, zu einem Gesicht geformt, und eine vergoldete, silberne Gewandfibel.
Bis zum 3. Jhd. war eine Brandbestattung üblich, danach erst kamen vorwiegend Körperbestattungen auf.
Die Gräberfelder Vindobonas sind sowohl im Nordwesten, als auch im Südosten hauptsächlich an der Limesstraße zu finden. An dieser Straße gab es zwischen Wien und Carnuntum noch zwei kleine Siedlungen, nämlich Ala Nova (heute Schwechat) und Aequinoctium (Fischamend).
Das gut ausgebaute Straßensystem im Römischen Reich machte es möglich, ein sehr großes Gebiet zu beherrschen. Dadurch konnte man die Truppen und nötiges Material schnell zu Krisenherden befördern, aber auch Privatleuten war es möglich, einigermaßen bequem zu reisen, wie dieses Relief zeigt.

Bernhard Kauntz, Västerås 2008


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Seite erstellt am 25.09.2009 by webmaster@werbeka.com