Die Schatzkammer in der Hofburg


Es schadet nicht, ein bisschen über Geschichte zu wissen, wenn man die Schatzkammer besucht. Sonst kann es leicht passieren, dass man die ausgestellten Dinge zwar sieht, aber sie nicht in den richtigen Zusammenhang bringen kann. Warum wird der Erzherzoghut von Joseph II gezeigt, wenn er doch Kaiser war? Wieso wurde das Szepter von Rudolf II in Prag hergestellt? Wieso wurde aus Franz II plötzlich Franz I?
Andererseits muss man die Zusammenhänge nicht kennen, um über die Schätze dieses Museums staunen zu können. Kein anderes westliches Land hat so viel an Tradition und Kultur zu bieten, wie Österreich. Daher wird man, sogar wenn man in Geschichte recht bewandert ist, immer noch etwas dazulernen.

Im ersten Raum der Ausstellung gibt es die Kämmererschlüssel zu sehen und zwar von der Zeit Karls VI bis zum Ende der Monarchie, also über gut 200 Jahre hinweg. Ein Kämmerer war ein Mittelding zwischen einem Zeremonienmeister und dem Verwalter der Schatzkammer, sozusagen ein kaiserlicher "Finanzminister mit Ehrenaufträgen".

Der Rest des ersten Raumes ist der österreichischen Erbhuldigung gewidmet. Erbhuldigung? Das war die österreichische Form der Krönung eines Regenten. Die Prozession ging über den Graben zur Stephanskirche in Wien und von dort in die Hofburg, wo die eigentliche Huldigung stattfand.

Die im Landtag vertretenen Stände gelobten hierbei dem Herrscher Gehorsam, während dieser den Ständen ihre Rechte zusicherte. Man verwendete bei dieser Prozedur dennoch königliche Insignien, wie Szepter und Krone. Die "Krone" war allerdings ein Erzherzogshut, da Österreich ja ein Erzherzogtum war. Das Original davon wird seit 1616 im Stift Klosterneuburg aufbewahrt und wurde nur zu den jeweiligen Huldigungen nach Wien gebracht.
Allerdings fertigte man für Joseph II einen eigenen "Hut" an, der 1764 in Frankfurt, bei seiner Krönung zum römisch-deutschen König, Verwendung fand. Die Karkasse (=Gerippe), aus der sämtliche Juwelen herausgebrochen wurden, wird unter anderen Dingen hier gezeigt.
Die nächsten drei Räume beinhalten Schätze, die dem Kaisertum Österreich zugeordnet sind. 1804 ernannte sich der römisch-deutsche Kaiser Franz II selbst zum Kaiser von Österreich, als Antwort auf Napoleons Selbsterhebung zum Kaiser.
Als Insignien verwendete man fortan jene von Kaiser Rudolf II, die alle in Prag hergestellt wurden. Das kommt daher, dass Rudolf die Residenz von Wien nach Prag verlegt hatte.
Der große Rubin in der Stirnlilie der Krone soll die Weisheit des Trägers andeuten, während der Saphir über dem Kreuz den Himmel versinnbildlicht. Die vier goldenen Felder zeigen Rudolf II als Feldherrn (Imperator), als Kaiser (Augustus) sowie als König von Ungarn (Rex Hungariae) und Böhmen (Et Bohemiae). Die Krone ist 28,3 cm hoch und wurde im Jahr 1602 von Jan Vermeyen angefertigt.
Das Szepter und der Reichsapfel wurden von Rudolfs Bruder Matthias hinzugefügt, der seinen Vorgänger abgesetzt hatte und die Residenz wieder nach Wien verlegte. Beide Kleinodien wurden von Andreas Osenbruck um das Jahr 1615, ebenfalls in Prag, erzeugt.
Die Edelsteine folgen dem Aufbau der Krone und bestehen nur aus Diamanten, Rubinen und Saphiren, sowie Perlen und Email. Die Bilder können allerdings der Wirklichkeit nicht gerecht werden.

Außer Insignien werden auch diverse Ornate gezeigt, hier im Bild links ein Beispiel aus Ungarn, für einen Ritter des St. Stephan-Ordens aus dem Jahr 1836. Sechs Jahre älter ist der Wappenrock für den Herold des Kaisertums Österreich, im Bild unten.

Der nächste Raum ist für Napoleon abgesehen - von wo ich allerdings aus Prinzip keine Bilder zeige, denn Napoleon war nicht besser als irgendein anderer "Welteroberer", wie Alexander der Große oder Hitler - und ich kann schließlich nicht mit verschiedenen Werten messen, auch wenn die übrige Welt das tut.

Darauf folgen zwei Räume mit dem Habsburg-Lothringischen Hausschatz, von wo es desto mehr zu zeigen gibt. Ein Prunkstück folgt hier dem anderen.
Eines der meist imponierenden ist diese Taufgarnitur von 1571, von einem spanischen Meister hergestellt. Die Schüssel hat einen Durchmesser von 61,5 cm und die Kanne ist 34.5 cm hoch. In dieser Garnitur wurden mehr als 10 kg Gold verarbeitet. Sie war ein Hochzeitsgeschenk der Kärntner Stände an Erzherzog Karl von Innerösterreich (dritter Sohn von Kaiser Ferdinand I) und Maria von Bayern.
Dann folgt ein ein wenig makaberer Schatz in der Form eines Holzschranks, der 139 Schlüssel beherbergt, nämlich zu den Särgen der Mitglieder des Kaiserhauses, die über ganz Österreich und Teile von Norditalien verstreut sind. Die ältesten Schlüssel stammen aus dem 17. Jahrhundert.
Hier gibt es auch die zwei "unveräußerlichen Erbstücke" des Hauses Österreich, nämlich das "Ainkhürn", das Horn eines Narwals, das man für ein Horn des sagenhaften Einhorns hielt.
Das zweite Stück ist jedoch eine echte Rarität, nämlich eine Achatschale aus dem 4. Jahrhundert, die, inklusive Henkel, 76 cm breit ist. Sie ist aus einem einzigen Stein geschnitten, aber das brachte ihr nicht die größte Verehrung ein. Sondern es ist die Maserung im Boden der Schale, die bei einem bestimmten Lichteinfall das Wort "XRISTO" (Christus) bildet. Man glaubte daher, dass die Schale der heilige Gral gewesen sei.
Die drei Brüder von Ferdinand I betrachteten diese beiden Dinge als zu wertvoll, um sie einem von ihnen als Erbe zu überlassen.
Daher fassten sie den Beschluss, sie für immer dem Haus Österreich zu bewahren.
Neben vielen weiteren Stücken möchte ich nur noch drei besonders hervorheben. Da ist zunächst der Stammbaum aus Gold mit den Abbildungen der Habsburger Kaiser und Könige, von Rudolf I bis zu Karl VI. Dann folgt ein Blumenstrauß aus erlesenen Steinen und schließlich eine goldene Rose.


Die Goldene Rose wurde jeweils am vierten Fastensonntag vom Papst gesegnet und einer verdienten Institution oder Person geschenkt. Im Jahr 1819 zeichnete Papst Pius VII die vierte Gattin von Kaiser Franz I, Carolina Augusta, damit aus.

Im hinteren Teil des Museums befindet sich die geistliche Schatzkammer, die ganze fünf Räume beansprucht. Hier gibt es vielfältige Variationen von Reliquienschreinen, Altären und Altärchen, Monstranzen, Messkelchen und Kreuzen, sowie anderen Kirchenschätzen. Hier folgt ebenfalls nur eine kleine Auswahl:


Ganz links finden wir einen kleinen Reliquienschrein aus Ebenholz, der Anfang des 17. Jahrhunderts in Prag angefertigt wurde. In der Mitte steht die sogenannte Sternkreuzmonstranz, um 1688 in Augsburg entstanden und mit Diamanten, Chrysolithen und Granaten besetzt. Rechts befindet sich ein kleiner Altar aus Jaspis, der ebenfalls am Anfang des 17. Jahrhunderts in Prag entstanden ist.

Jetzt führt der Weg zurück durch die geistliche Schatzkammer und dann kommen wir in die Räume, die dem Heiligen Römischen Reich zugeordnet sind. Das ist, allem Patriotismus zum Trotz, in meinen Augen der wichtigste Teil der Schatzkammer, beherbergt er doch Schaustücke, die auf der ganzen Welt ihresgleichen suchen.
Zuallererst ist hier die Reichskrone zu erwähnen, ein über tausend Jahre altes Schmuckstück, das schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts entstand, möglicherweise für Kaiser Otto den Großen 912 - (Kaiser ab 962 -) 973, oder für seinen Sohn und Nachfolger Otto II (955 - (973 -) 983). Das ist näher dem Beginn unserer Zeitrechnung als unserer heutigen Zeit! Die aus 8 Ecken bestehende Krone symbolisiert die Vereinigung von Himmel und Erde in der Person des Kaisers. Die zwölf großen Edelsteine der Stirnplatte stehen für die zwölf Apostel, als deren Nachfolger sich die Kaiser hielten. Die vier schräg gesetzten Emailplatten, auch sie mit Edelsteinen umrandet, zeigen teils Christus mit zwei Engeln, teils drei Könige des Alten Testaments, nämlich David, Salomo und Ezechias. Der Hochbügel (auf dem Bild verdeckt) und das Kreuz sind ein halbes Jahrhundert jünger, sie stammen aus der Zeit von Kaiser Konrad II (ca. 990 - (1027 -) 1039.
Der Krönungsmantel steht der Krone an Rarität kaum nach, auch wenn er erst 1133/34 erzeugt wurde - und zwar von einem islamischen Künstler am Hof von Palermo. Der rote Samt ist mit Goldstickereien übersät, die auf beiden Seiten je einen Löwen zeigen, der ein Kamel schlägt, sowie in der Mitte den Lebensbaum darstellen. Der Mantel kam auf dem Erbweg von dem normannischen König Roger II von Sizilien an die Hohenstaufen, wo ihn Kaiser Friedrich II dann dem Reichsschatz einverleibte.
Der Mantel wiegt übrigens stolze zwanzig Kilogramm!
Der Mantel ist aber nicht das einzige Erbgut aus Sizilien, es gibt auch andere Kleidungsstücke, die diesen Weg ins Heilige Römische Reich fanden, wie auch Gewänder aus jüngerer Zeit, die allesamt ausgestellt werden.
Das Reichskreuz war ursprünglich ein Schrein für die beiden Reliquien, die heute an seiner Seite gezeigt werden. Das ist links die heilige Lanze, aus dem 8. Jahrhundert, die ursprünglich im Querarm des Kreuzes verborgen war. Die goldene Manschette verdeckt einen Bruch der Lanze. Sie wurde als eine der wichtigsten Reliquien des Heiligen Römischen Reiches betrachtet. Möglicherweise bekam sie schon Karl der Große von Papst Hadrian I. Warum Reliquie? Sie soll einen Nagel von der Kreuzigung Christi beinhalten.
Auch das Holzkreuz rechts soll ein Teil des Kreuzes Christi sein, und zwar von einer Stelle, wo ein Nagel durchgeschlagen wurde. Das muss doch die Echtheit bezeugen, oder? Auch dieser Span war ursprünglich im Reichskreuz verborgen. Karl IV ließ jedoch eine Goldfassung mit schwarzen Querarmen dafür anfertigen.
Das Reichskreuz selbst trägt folgende Inschrift auf den Seitenwänden: "Vor diesem Kreuz des Herrn möge der Anhang des bösen Feindes die Flucht ergreifen, daher mögen vor Dir, Konrad, alle Widersacher weichen." Mit Konrad ist hier wieder Kaiser Konrad II gemeint.
Es gibt noch mehrere Reliquienschreine, wie auch andere Schätze. So kann man zum Beispiel das Reichsevangeliar sehen (wenigstens den prunkvollen Einband davon), dessen handbeschriebene Pergamente am Hof Karls des Großen enstanden. Der vergoldete Einband wurde allerdings erst um 1500 erschaffen. Außerdem gibt es an den Wänden zahlreiche historische Gemälde aus der Zeit des Heiligen Römischen Reiches.
Die letzten Räume der Schatzkammer zeigen Gegenstände aus dem burgundischen Erbe. Kaiser Maximilian I hatte Maria von Burgund, die Tochter Karls des Kühnen, geheiratet. Man sagt, dass das sogar eine Liebesheirat gewesen sein soll. Allerdings fiel Maria bei einem Jagdausflug vom Pferd und erlag danach ihren Verletzungen. Dadurch fiel das burgundische Erbe an Österreich.
Der größte Teil des sagenhaften burgundischen Schatzes war allerdings schon vorher den Schweizern in die Hände gefallen, als sie Karl den Kühnen besiegten, der bei dieser Schlacht sein Leben verlor. Ein Teil des Habsburger Erbes war jedoch der Orden vom Goldenen Vlies. Dieser war von Philipp dem Guten im Jahr 1430 gestiftet worden. Er geht auf die Argonautensage in der griechischen Mythologie zurück, was nicht zuletzt auf die immer stärkere Bedrohung Europas durch die Türken hinwies. Wo wäre der Sitz des Ordens dann besser zu Hause gewesen, als in Wien, das sowohl 1529, als auch 1683 die Türken auf ihrem Siegeszug durch Europa aufhalten konnte.
Links im Bild sehen wir eine Kollane des Ordens, die noch aus der Gründerzeit, Mitte des 15. Jhd. stammt. Sie besteht aus 16 lose verhakten Einheiten und wiegt mehr als ein halbes Kilo. Ferner werden noch diverse Ornate, Broschen und auch das Schwurkreuz dieses Ordens gezeigt. Zunächst war die Mitgliedanzahl auf 31 beschränkt, wurde später aber bis auf 70 erhöht.
Als Beispiele für andere Gegenstände aus dem Burgunderschatz mögen der Hofbecher und der Wappenrock des Herolds für die Grafschaft Flandern dienen. Der Becher aus Gold und Bergkristall ist mit den Emblemen von Herzog Philipp dem Guten verziert. Daher kann man annehmen, dass er zwischen 1453 und 1467 entstanden ist.
 
Der Wappenrock des Herolds ist bedeutend jünger. Er wurde 1715 in Brüssel erzeugt und besteht aus Samt und Goldlamé. Auch der Heroldstab, der auf dem Bild zum Teil sichtbar ist, stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Als Abschluss noch das Prunkschwert von Kaiser Maximilian I, das Hans Sumersperger im Jahr 1496 in Hall (Tirol) geschmiedet hat. Im Bild oben eine Vergrößerung der Inschriften und Verzierungen am Blatt.
 

Bernhard Kauntz, Wolvertem 2010


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Seite erstellt am 04.09.2010 by webmaster@werbeka.com