Wien 1., Die Kapuzinergruft


Es begann damit, dass die Gattin von Kaiser Matthias I, Anna von Tirol, im Jahr 1618 verfügte, dass innerhalb der Stadtmauern ein Kapuzinerkloster errichtet werden solle, in welchem sie selbst und ihr Gemahl begraben werden sollten. Das Kloster samt Krypta wurde gebaut und Kaiser Ferdinand III bestimmte, dass es fortan die Begräbnisstätte der Habsburger sein solle. Am Eingang zur Kaisergruft gibt es eine hölzerne Pietà.
Heute stehen nicht weniger als 148 Särge dort, worunter die von 12 Kaisern und 18 Kaiserinnen. Natürlich musste die Gruft seit ihrer Gründung mehrmals ausgebaut werden.
Die Gründergruft enthält gerade einmal die zwei Särge von Matthias und Anna. Heute kann man diese zwei Särge nur mehr durch die Türöffnung von der Leopoldsgruft aus sehen. Wer waren nun diese Gründer? Matthias lebte von 1557 bis 1619. Im Jahr 1612, nach dem Tod seines Bruders, Rudolf II, wurde er Kaiser (des Heiligen Römischen Reiches) und verlegte die Hauptstadt wieder zurück nach Wien, weil Rudolf von Prag aus regiert hatte. Seine Regierungszeit war von den Zwiespältigkeiten zwischen Protestanten und Katholiken geprägt. 1618 begann als Konsequenz auch der Dreißigjährige Krieg.
Seine Gemahlin seit 1611, Anna von Tirol (1585 - 1618), war auch seine Cousine und eine sehr fromme Frau. Das Paar blieb jedoch ohne Kinder.
Der Nachfolger von Matthias wurde Ferdinand II, der aber in Graz begraben wurde. Erst dessen Sohn, Ferdinand III (1608 - 1657) bestimmte die Kapuzinergruft als Grablege für die Habsburger.
Es war doch erst Leopold I, Sohn von Ferdinand III, der die Gruft ausbauen ließ, um seinen Vater und seinen Bruder Ferdinand IV (1633 - 1654) dort begraben zu können. Deshalb heißt dieser Teil eben Leopoldsgruft.
Im Bild rechts sehen wir das Epitaph von Maria Anna von Österreich, das die Frontwand dieser Abteilung ziert. Hier ist allerdings nur ihre Herzurne begraben.
Der Rest ihres Leichnams liegt in Lissabon - sie war von 1708 bis 1754 Königin von Portugal.
In derselben Wand gibt es auch 12 Kindersärge, für Nachkommen, die im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts schon als Kind verstarben, hauptsächlich Kinder von Leopold.
Hier ruhen auch die je drei Gattinen von Ferdinand III sowie von Leopold I, wie auch die Tochter des Letzteren, die Tante Maria Theresias, die eine innige Verbindung mit ihrer Nichte hatte.
Leopold selbst (1640 geboren, ab 1658 Kaiser, 1705 gestorben) liegt in der anschließenden Karlsgruft. Er zeugte mit seinen drei Gemahlinen nicht weniger als siebzehn Kinder, von denen aber nur sechs das Erwachsenenalter erreichten. Er war Gegenspieler den Sonnenkönigs, Frankreichs Ludwig XIV, und stellte sich den Expansionsansprüchen Frankreichs entgegen. Außerdem fiel die Zweite Türkenbelagerung Wiens in seine Regierungszeit, mit der nachfolgenden Ausweitung des Habsburgerreiches nach Osten.
Dagegen fällt in seine Zeit auch der Verlust Spaniens für die Habsburger, als der Habsburger Karl II von Spanien sein Reich den Franzosen und nicht seiner Familie testamentierte. Das war auch die Ursache des folgenden Spanischen Erbfolgekrieges. Allerdings waren es hauptsächlich die Söhne Leopolds, Joseph I (1678 - Kaiser 1705 - 1711) und Karl VI (1685 - Kaiser 1711 - 1740) die diesen Krieg ausfechten mussten. Karl war es auch, der die nach ihm benannte Karlgruft bauen ließ. Dort gibt es jedoch nur einen Kindersarg, die Herzurne von Amalie Wilhelmine, der Gattin Joseph I, sowie sechs große Särge.
Diese gehören, wie schon erwähnt, Leopold I, sowie einer seiner Töchter, Maria Elisabeth von Österreich. Außerdem liegen seine zwei Söhne, Joseph I und Karl VI (Bild unten links) dort. Auch die Gattin des Letzteren (Bild unten rechts), Elisabeth Christine (1691 - 1750), sowie eine derer Töchter, Maria Anna (1718 - 1744) sind dort bestattet.

Man schreibt Karl VI oft die Entstehung der Pragmatischen Sanktion zu, meistens im Zusammenhang damit, dass Maria Theresia seine Nachfolgerin werden könne. Das ist aber falsch - um die Geschichte nachzulesen, folgen Sie bitte obigem Link. Auffallend ist, wie prunkvoll die Särge plötzlich ausgestattet wurden - Karl VI scheint eine Vorliebe für Aufwändigkeit gehabt zu haben, wie auch seine Tochter ...
In der Karlsgruft gäbe es nämlich noch genügend Platz, um weitere Särge aufzustellen - Maria Theresia (1717 - 1740 - 1780) ließ jedoch die Gruft weiter ausbauen. Das gab ihr die Möglichkeit, den eigenen Sarkophag, den sie mit ihrem Gatten, Franz I, teilt, nicht nur noch protziger gestalten zu lassen, sondern ihn auch mitten in der Maria Theresiengruft aufzustellen.
Ein bisserl genusssüchtig dürfte die "Reserl" aber auch sonst gewesen sein, wenn man an ihre Leibesfülle (und an ihre sechzehn Kinder) denkt. Trotzdem war sie auch dem Volk eine gute Herrscherin, die viele soziale Verbesserungen einführte.
Und das, obwohl sie politisch immer wieder angegriffen wurde, vermutlich weil man dachte, sich vom Erbe einer Frau leichter ein Stückchen abschneiden zu können.
Allen voran ging der gewissenslose Erpresser und vertragsbrüchige König in Preußen, Friedrich II.
Dass die gottesfürchtige Maria Theresia auch strenge moralische Maßstäbe setzte, lässt sich zum Beispiel durch die Ordnungspolizei belegen, die gegen unmoralisches Benehmen der Bevölkerung vorgehen sollte.
Wahrscheinlich hatte es Maria Theresia übertrieben, sowohl mit ihrer Religiosität, als auch mit dem angeberischen Zurschaustellen von Reichtum. Das zeigt sich am ganz einfachen Sarg ihres Sohnes, Joseph II (1741 - 1765 - 1790). Er steht als stummer Protest gegen all den kaiserlichen Überfluss gerade vor dem Grabmal seiner Eltern. Das große Problem von Joseph II war, dass er seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war, was intelligenten Personen öfters passieren kann. Seine Reformen wurden vom Volk völlig missverstanden, obwohl sie eigentlich zu dessen Wohl geschahen. Natürlich schaffte er sich auch klerikale Feinde, als er Klöster auflöste und die Geistlichkeit überhaupt straffer am Zügel nahm.
In der anschließenden Franzensgruft gibt es nur fünf Särge, nämlich den vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Franz II (1768 - 1792 - 1835), der dieses jedoch auflöste und 1804 Franz I von Österreich wurde. Außerdem liegen hier alle vier seiner Gattinen.
Franz II (I) war der Sohn von Leopold II (1747 - 1790 - 1792), dem Bruder von Joseph II. Leopold war selbst zwei Jahre lang Kaiser gewesen aber seine Regierungszeit hat keine großen Wellen hinterlassen.
Franz war zum Teil ein romantischer Träumer, der zum Beispiel das Kunstschloss in Laxenburg erbauen ließ.
In seiner Regierung war er dagegen streng reaktionär, was natürlich eine Folge der Französischen Revolution war. Denn er hatte Angst, dass die Revolution auch Österreich ergreifen könne, wenn man nicht hart genug vorging. Franz hatte es andererseits auch nicht leicht, da Frankreich sofort nach dem Ableben seines Vaters und also noch drei Monate vor Franzens Krönung Österreich den Krieg erklärte, der sich fünf Jahre lang hinzog und später von den Napoleonischen Kriegen abgelöst wurde.
Von der Franzensgruft biegt man links ab, um in die Toskanagruft zu kommen. Dort findet man Kaiser Leopold II samt Gemahlin, Maria Ludovica, sowie hauptsächlich in Italien geborene oder verheiratete Habsburger. Einige von Maria Theresias Kindern sind auch dabei, nicht zuletzt ihre Lieblingstochter, Marie Christine mit Ehemann Albert von Sachsen-Teschen, nach dem die Albertina in Wien benannt ist. Die Särge der beiden (im Bild links) sind äußert einfach gehalten.
Als Einzigem der Kinder Maria Theresias war es Marie Christine vergönnt, eine Liebesheirat einzugehen.
Sie bekam von ihrer Mutter auch andere Vorteile den Geschwistern gegenüber, was schließlich dazu führte, dass sie von ihnen gemieden wurde. Sie und ihr Gatte adoptierten Erzherzog Karl (Ludwig), der in der Schlacht von Aspern als Erster Napoleon eine Niederlage zuführte. Karl war als Sohn von Leopold II ein Neffe Marie Christines.
Aus der Toskanagruft geht es wieder nach rechts in die Ferdinandsgruft, wo im Raum nur zwei Särge stehen. Dies sind die Särge des Kaiserpaares, Ferdinand  (1793 - 1835 - 1848 Abdankung - 1875) und Maria Anna, Tochter von König Viktor Emanuel I von Sardinien-Piemont. Die übrigen Gräber, knappe vierzig, sind aus Platzgründen in die Wände eingebettet worden. Ferdinand I war der älteste Sohn von Franz II (I), aber seit seiner Geburt schwächlich und geistig behindert. Das hinderte jedoch nicht, ihn trotzdem zum Kaiser zu machen. Sein Onkel, Ludwig Joseph (1784 - 1864), führte aber die Regierungsgeschäfte, während der gesamten Regierungszeit. 1848 dankte Ferdinand I zugunsten von seinem Neffen, Franz Joseph, ab.
Aus der Ferdinandsgruft kommt man in die Neue Gruft, wo weitere knappe dreißig Särge stehen. Dieser Teil, vom Architekten Karl Schwanzer erst 1960-1962 errichtet, liegt unter dem Klostergarten. Damit löste man ein großes Platzproblem und konnte die Kontinuität der Zeitlinie besser beibehalten. Es gibt zwar Personen aus drei Jahrhunderten in diesem Teil, die meisten jedoch lebten im 19. Jahrhundert.
Hier finden wir zum Beispiel Marie Louise (1791 - 1847), eine Tochter von Franz II (I), die mit Napoleon verheiratet wurde, obwohl sie ihn verabscheute.
Noch eine der bekannteren Persönlichkeiten, die hier ruhen, ist der Bruder von Kaiser Franz Joseph, Maximilian I (1832 - 1864 - 1867), der 1864 Kaiser von Mexiko wurde. Allerdings war er das nur drei Jahre lang, denn schon 1867 wurde er entmachtet, abgesetzt und zum Tod verurteilt. Zwei Monate später, am 19. Juni, wurde er, nur 35jährig, auf Befehl des Präsidenten Juárez erschossen. Maximilian hatte in der Nacht zuvor eine Fluchtgelegenheit abgeschlagen und dann dem Exekutionskommando versichert, dass sie nur ihre Pflicht täten. Die einzige Bitte, die er hatte, war, dass sie nicht auf sein Gesicht zielen sollten, damit seine Mutter ihn später identifizieren könne.
In der Neuen Gruft finden wir auch die Eltern von Kaiser Franz Joseph, Franz Karl und Sophie (Friederike) von Bayern, wie auch die Eltern des letzten österreichischen Kaisers, Karl I, Otto und Maria Josepha von Sachsen. Warum wurde der letzte Kaiser Karl der Erste benannt, wenn es doch schon sechs Karl vor ihm gegeben hatte? Nun, er war der Erste seines Namens als Kaiser von Österreich.
Alle anderen waren Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewesen.
Ebenfalls in der Neuen Gruft finden wir eine Gedenktafel an die Thronfolger Franz Josephs, Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie, die als erste Opfer des Ersten Weltkriegs bezeichnet werden.
Österreich wird oft der Vorwurf gemacht, mit der Kriegserklärung gegen Serbien im August 1914 den ersten Weltkrieg ausgelöst zu haben. Was man von Serbien verlangte, war nur die Auslieferung des Attentäters und Einsicht in die Untersuchungskommmission der Vorgänge. Das wurde verweigert. Man stelle sich vor, wie heute die Vereinigten Staaten reagieren würden, würde man, sagen wir, ihren Vizepräsidenten im Iran erschießen ... Aber vermutlich wollte man die Hintergründe nicht aufklären lassen.
Vielleicht hätte man sonst schon damals entdeckt, dass Churchill bereits im Februar 1913 in einem Brief versicherte, dass sich Deutschland spätestens im September 1914 im Krieg mit England befinden würde. Da hätte man ja vielleicht die Frage stellen können, wer in Serbien den Nationalismus geschürt hat, um einen Krieg zu provozieren. Aber vielleicht war Churchill ja auch nur hellseherisch begabt ...
Das alles ist belegt - aber Sie wussten nichts davon? Nun, es ist ja hinlänglich bekannt, dass Geschichte immer nur von den Siegern geschrieben wird.
Aber zurück zur Kapuzinergruft: aus der Neuen Gruft kommt man schließlich in die Franz Josephs-Gruft, die Franz Joseph (1830 - 1848 - 1916) 1908 erbauen ließ.
Hier stehen nur drei Särge. Der des Kaisers steht in der Mitte, erhöht auf einem Sockel. Links davon liegt seine Gattin, Elisabeth von Bayern (1837 - 1898), auch Sisi genannt, die 1898 in Genf von einem Verrückten ermordet wurde. Rechts von Franz Joseph steht der Sarg seines Sohnes, Kronprinz Rudolf, der 1889 auf Schloss Mayerling Selbstmord verübte. Man bestätigte ihm jedoch geistige Umnachtung zur Zeit der Tat, sodass er ein kirchliches Begräbnis erhalten konnte.
Franz Joseph bezeichnete sich gern als "erster Diener seines Staates" - und er war in der Tat pflichtbewusst.
Sein Schicksal meinte es aber wahrlich nicht gütig mit ihm, weder persönlich noch politisch. Sein Ausspruch: "Mir bleibt nichts erspart", als er vom Tod seiner Gattin hörte, hätte kaum zutreffender sein können. Drei gewaltbedingte Todesfälle in der nächsten Familie, eine Frau, die schon ein paar Jahre nach der Heirat vom Kaisertum die Nase voll hatte, einen Sohn als liberalen Taugenichts, 68 Jahre Regierungszeit, in der er immer wieder außen- sowie innenpolitische Konflikte zu vermeiden suchte - und schließlich der große Krieg, der den Zerfall seines Reiches einleitete.
In der anschließenden Gruftkapelle zeigt eine Büste von Karl I (1887 - 1922) den Platz, der für seinen Sarg reserviert ist. Der letzte Kaiser Österreichs starb im Exil in Funchal auf Madeira mit nur 35 Jahren an einer Lungenentzündung.
Karl wird oft vorgeworfen, unscheinbar und mittelmäßig gewesen zu sein. Andererseits musste er ein großes Reich mitten im Krieg übernehmen. Er suchte den Frieden, stieß aber überall auf taube Ohren.
Anatole France sagte über ihn: "Kaiser Karl war der einzig anständige Mensch, der in diesem Krieg auf einem führenden Posten aufgetaucht ist. Er wünschte ehrlich den Frieden, und deshalb wurde er von der ganzen Welt verachtet."
Innenpolitisch schuf er am 1. Juni 1917 das weltweit erste Sozialministerium für die Bevölkerung, die an den Kriegsnöten litt. Auch ein Mieterschutzgesetz, das bis heute besteht, und ein Ministerium für Volksgesundheit, rief er im selben Jahr ins Leben.
Bei vielen politischen Entscheidungen suchte er vorher die Diskussion mit seiner Gemahlin Zita von Parma, deren Sarg schon in der Gruftkapelle beigesetzt worden ist. Als sie 1989 starb, wurde ihr Begräbnis zu einem Großereignis in Wien. Es waren wortwörtlich Hunderttausende gekommen, auch aus den früheren Kronländern.
Der bisher letzte Sarg wurde erst in diesem Jahr in der Kaisergruft abgestellt. Er gehört Otto, dem ältesten Sohn von Karl I und Zita. Auch sein Bruder Carl Ludwig hat hier schon früher seine letzte Ruhestätte gefunden.

Sie sehen, dass ein Besuch in der Kapuzinergruft einen großen Teil der österreichschen Geschichte nacherzählt. Man muss auch kein Monarchist sein, um die Verdienste einiger Vertreter des Kaiserhauses zu würdigen.

Bernhard Kauntz, Wolvertem 2011


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Seite erstellt am 31.10.2011 by webmaster@werbeka.com