Bekenntnis zu Wien


Ich bin Wiener. Ich bin Wiener, obwohl ich schon mehr als ein halbes Jahrhundert im Ausland lebe. Wien ist auch nach so langer Zeit noch immer daheim. Manchmal frage ich mich, warum? Aber das ist nicht ganz einfach zu erklären.
Natürlich könnte man die Sprache als Grund anführen, den Dialekt selbstverständlich, aber auch die Nuancen über die gehobene Umgangssprache bis zum Hochdeutschen, das aber noch immer den typischen Anstrich hat, den man sofort heraushört. Und dann ist eben ein Paradeiser ein Paradeiser und keine Tomate. Und ein Heferl ist keine Tasse. Servus ist weder hallo noch tschüss ...
Aber die Sprache allein ist zu wenig.
Die bekannten Gegenden gehören dazu. Die Mohsgasse, in der ich vor sechzig Jahren lebte, ruft noch immer ein intimeres Gefühl hervor, als all die Gegenden, die ich später bewohnte. Die Stephanskirche, an der ich jedes Mal vorbei gehe, wenn ich in Wien bin. Auf der Uni habe ich seinerzeit die Phonetikprüfung zweimal wiederholen müssen, weil ich "stefan" transkribierte und nicht "stäffan", wie die Professorin das haben wollte. Es mag ja sein, dass es sogar in Wien Leute gibt, die den Stäffansdom so aussprechen, aber ich eben nicht. Bei mir bleibt es bei der Stephanskirche - und seit der Phonetikprüfung sind wir beide noch viel enger verbunden.
Aber es gibt auch andere Gebäude, die mir wichtiger geblieben sind, als irgendwelche anderswo. Ich war im Louvre, im Prado, in Museen in Berlin, in Stockholm, in London, und so weiter. Es gibt auch in diesen Städten wichtige und wunderbare Dinge zu sehen. Aber unsere Museen am Maria-Theresien-Platz liegen mir dennoch mehr am Herzen. Das Skelett des Stegosaurus oder die Gedenkplatten an Franz Joseph und Sisi, den Gründern der beiden Museen an der Treppenwand, und nicht zuletzt die wunderbare Innenarchitektur der Häuser sind in meinem Gedächtnis stärker eingebrannt, als die Mona Lisa oder das Ishtar-Tor aus Babylon.
Auch unser Parlament ist großartig. Die Form eines griechischen Tempels als Symbol der Demokratie war vor gut hundertfünfzig Jahren die reine Weissagung im Kaiserreich. Noch dazu mit Pallas Athene davor, der Göttin der Weisheit. Der Wiener ist ein Raunzer. Ich höre ihn schon, von wegen der Weisheit in dem Gebäude ... Tatsache ist, dass es Österreich heute viel besser geht als vielen anderen europäischen Staaten, der Politik zum Trotz.
Aber das Raunzen gehört schon wieder dazu zu Wien. Im Ausland wird es nur als derbe Kritik aufgefasst.
Dort ist es nur ein Negativum par excellence. Man begreift nicht, dass es zwar besser sein könnte, "aber eh ned so schlecht is".
Weil wir schon bei der Kaiserzeit sind: Die Geschichte ist wieder ein Plus für Wien und für ganz Österreich. Die Hofburg ist mit dem Imperium mitgewachsen und die Neue Burg die Krone des ganzen Komplexes.
"Hast seit frühen Ahnentagen hoher Sendung Last getragen ..." Wie wahr ist doch die Zeile aus der Bundeshymne! Man hat wohl nicht immer vorbildlich gehandelt. Da gibt es zum Beispiel Judenverfolgungen oder die Teilung Polens und andere eher zweifelhafte Vorgangsweisen. Aber welche Nation hat nicht solche Skelette in der Garderobe? Dass man sechshundert Jahre lang ohne Angriffskrieg auskam und dennoch eine Großmacht wurde - damit können sich weder Franzosen, Engländer, Russen oder Türken vergleichen.
Dass man ab und zu überfallen und daher zum Krieg gezwungen wurde, liegt ja ein wenig anders.
Und dann schieben sie uns den ersten Weltkrieg in die Schuhe! Stellen Sie sich nur einmal die Reaktion vor, wenn man den Vizepräsidenten der USA, sagen wir im Iran, erschießen würde und dann den Amis auch noch verweigern, den Täter auszuliefern und bei der Aufklärung der Tat dabei zu sein. Genau das ist aber damals geschehen, als man Franz Ferdinand in Sarajewo ermordete. Und dann ging es los und Österreich war schuld. Dass aber Churchill schon ein gutes Jahr früher in einem Brief den Krieg ankündigte, das vergisst man. Vermutlich lagen ja die Engländer hinter der Zündelei am Balkan. Man wollte doch den Krieg mit Deutschland. Aber genug davon. Man hat uns ja öfter übel mitgespielt, Napoleon zum Beispiel, oder im Siebenjährigen Krieg.
Der Wiener ist kein Kämpfer, aber er ist Weltmeister im Schimpfen. Die Tiraden, die man da zu hören bekommt, sind sehr oft recht kreative Schöpfungen. "Geh schleich di, sunst hau i da ane in de Pappn, dass d' mit de Zähnd aumäualn kaunst". Übersetze das mal jemand ... Ein Papperl ist ein Essen, und die Pappn ist der Körperteil mit dem man isst. Anmäuerln hat die Mauer als Stammwort, weil man nämlich kleine Kugeln oder Münzen gegen eine Mauer wirft, und der, der am nächsten liegt, gewinnt. Die Drohung liegt ja darin, dass der Opponent dann mit seinen Zähnen anmäuerln kann.
Aber auch, wenn der Andere zurückschimpfen sollte, kommt es nicht oft zu wirklicher Gewalt. Brutalität liegt nicht im Gemüt des Wieners. Natürlich gibt es in Wien auch Schlägereien und Verbrechen - laut diversen Untersuchungen und Umfragen ist Wien dennoch eine der sichersten Großstädte der Welt. Und auch eine der reinsten. Sicher gibt es auch hier Idioten, die mit ihren Sprühdosen alles "verschönern" wollen, aber ihre Werke sind meistens schon weg, bevor die Farbe getrocknet ist. Auch der Mist auf den Straßen hält sich - im Verhältnis zu anderen Städten - sehr in Grenzen.
Schließlich hat Wien ein paar Feinheiten aufzuweisen, die man sonstwo nicht findet. Der Prater, ein riesiges Vergnügungsfeld, ist ohne Kosten zu betreten. Man braucht keinen Eintritt zu bezahlen, weil man dort in einem Restaurant essen gehen will. Und bei den Attraktionen bezahlt man direkt. Daher gibt es keine Wartezeiten, höchstens bis die laufende Fahrt zu Ende ist.
Der Rathausplatz, wo jeden Sommer ein Filmfestival stattfindet, gratis natürlich. Eine Riesenleinwand bietet mehreren hundert Menschen Gelegenheit auf den davor aufgestellten Stühlen mitzuschauen. Doch das ist nicht alles. In einer langen Reihe, bis hinüber zum Burgtheater, gibt es bei vielen Ständen internationale Küche zu verkosten - ein sehr beliebter Treffpunkt für Touristen, wie auch für Einheimische.
Und dann kommt noch das Donauinselfest dazu. Normalerweise am letzten Wochenende im Juni, findet es auf der mehrere Kilometer langen, künstlichen hergestellten Insel, mitten in der Donau statt.
Am Nachmittag gibt es dort diverse sportliche Aktivitäten, wie Beachvolleyball, Strandfußball, oder auch auf dem Fluss Jetski fahren.
Und am Abend wird für musikalische Unterhaltung gesorgt. Auf zehn, fünfzehn Bühnen treten verschiedene Artisten oder Gruppen auf, die unterschiedlichen Genren huldigen. Das alles von Freitag bis Sonntag bei freiem Eintritt. Kein Wunder, dass man an die drei Millionen Besucher verzeichnet.
Bitte, nochmals, sonst glauben Sie es nicht. Drei Millionen Besucher! Zubringerbusse und Straßenbahnen sind an diesen Abenden gratis und sogar die Eisenbahn bietet Ermäßigungen an, um nach Wien zu kommen.
Das sind nur drei Beispiele. Da habe ich kein Wort darüber gesagt, dass der öffentliche Verkehr in Wien von jedem Touristen Bestnoten erhält, dass allein die Architektur in der Stadt einen Spaziergang verlockend macht, dass der Heurige in der ganzen Welt einen Seltenheitswert besitzt und dass übrige Gaststätten vorzügliche Wiener Küche anbieten.

Sehen Sie, eben deshalb bin ich Wiener. Weil es das sonst nirgends gibt. Weil man den Menschen Mensch sein lässt, wo auch der Bürodiener am Abend im Kaffeehaus ein Herr Doktor wurde und die Schreibhilfe eine Frau Gräfin.
Nun, ich will nicht übertreiben und heute hat man diese Höflichkeiten auch schon vergessen. Aber die Wurzeln sind immer noch da, die Grundanschauung zum "leben und leben lassen". Dann mag man wohl dieselben Leute in der eigenen Wohnung als saudumm bezeichnen, "aber sie san eh ned so schlecht".

Bernhard Kauntz, Västerås 2018


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