Wien 6., Mariahilfer Straße


Die meisten Menschen, die mit dem Zug nach Wien fahren, kommen am Westbahnhof an. (Das wird schon in ein paar Jahren anders sein, weil Wien einen Zentralbahnhof baut.) Österreich streckt sich von Wien aus hauptsächlich nach Westen, aber auch die Auslandsverbindungen nach Deutschland und Frankreich, in die Schweiz und weiter nach Spanien, werden von hier versorgt. Wenige wissen heute, dass die Westbahn, die 1858 eröffnet wurde, eigentlich Kaiserin Elisabeth-Westbahn hieß. In der unteren Halle des Bahnhofs steht heute noch eine Statue von Sisi, als Erinnerung daran. Der Kaiser selbst hatte auch eine Bahnlinie nach sich benannt - diese heißt heute noch Franz Josephs-Bahn, ist jedoch für den Auslandsverkehr völlig unbedeutend.

Freilich werden heute die meisten Besucher die Bahnhofshalle gar nicht verlassen, sondern mit der Schnellbahn oder mit der U-Bahn weiterfahren. Die Schnellbahnen sind Vorortezüge, die das Umfeld Wiens im Pendelverkehr bedienen, aber auch quer durch die Stadt fahren und daher eine große Entlastung bedeuten.

Die U-Bahnlinien U3 und U6 sind unterirdisch ebenfalls im Bahnhofsgebäude integriert.
Wenn man allerdings den Westbahnhof Richtung Stadt verlässt, kommt man zunächst auf den Europaplatz, der von der Mariahilfer Straße gekreuzt wird. Stadtauswärts führt diese bis zur Schlossallee von Schloss Schönbrunn (Straßenbahnlinie 58), aber stadteinwärts ist die Mariahilferstraße eine traditionelle Einkaufsstraße. Früher wurde sie nur von der Kärntner Straße überglänzt, heute hat sie in den anderen Bezirken viel Konkurrenz, nicht zuletzt durch die neumodischeren Shopping-Zentren.

 

Bevor wir uns jedoch auf den Weg machen, gehen wir schnell einen Kaffee trinken, und zwar im Café Westend, gleich an der Ecke zum Europaplatz. Es gibt zwar später jede Menge Straßencafés, aber das Westend ist mindestens ebenso traditionell, wie die Mariahilfer Straße an sich. Zwar haben sowohl das Gebäude, als auch das Café selbst schon bessere Tage gesehen - ein eventuelles Loch in der Lederbank übersieht man geflissentlich mit Gleichmut - aber dafür werden Sie vom den Kellnern noch immer im Frack bedient und die Einrichtung ist auch noch aus der "guten alten Zeit".

Die Mariahilfer Straße hat ihren Namen seit 1862 nach dem 6. Bezirk in Wien, der eben Mariahilf heißt, aber eigentlich bildet sie die Grenze zwischen dem 6. und dem 7. Bezirk. Die ursprüngliche Ortschaft wurde im 17. Jhd. gegründet und erhielt den Namen Mariahilf nach einem Gnadenbild.
Die Länge der Straße vom Westbahnhof bis zum Ring im Zentrum beträgt etwa zwei Kilometer, führt aber in dieser Richtung bergab. Das Aussehen der Straße hat sich im Lauf der Jahrzehnte stark verändert. Hier fuhren früher Straßenbahnen mitten im Verkehr, dann wurde sie zur Fußgängerzone und ist heute ein Mittelding - es gibt recht breite Gehsteige, aber Autoverkehr ist zugelassen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jhd. begannen sich Kaufhäuser an der Straße zu etablieren.

Herzmansky und Palmers sind heute wohl nur den älteren Wienern ein Begriff, aber Gerngroß und die Stafa gibt es heute noch, auch wenn sich heute Boutiquen und Fachgeschäfte die Verkaufsräume teilen. August Herzmansky und sein Mitarbeiter und späterer Konkurrent Alfred Gerngroß waren die ersten, die Ihre Warenhäuser an der Mariahilfer Straße errichteten.

Herzmansky war damals (1897) das größte Textilwarenhaus in der Habsburger Monarchie. Heute drängen sich internationale Modeshops, wie Esprit und H&M, oder riesige Elektronikgeschäfte mit kleinen Briefmarkenverkäufern oder Tabakläden, die es irgendwie geschafft haben, zu überleben.
Überlebt hat auch das Spatzennest, zu dem ich eine persönliche Beziehung habe.

War es doch schon vor 50 Jahren "mein" Kindergarten. Noch viel älter allerdings ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Mariahilfer Kirche, in der das namengebende Gnadenbild zu sehen ist. Vor der Kirche steht ein Denkmal Joseph Haydns, der von Heinrich Natter mit einem Notenblatt in der Hand abgebildet wurde.

Die Seitenstraßen rechter Hand fallen nun sehr steil ab, hinunter zum heute überdeckten Flussbett der Wien und zum Naschmarkt. Viele Straßen sind so steil, dass sie nur mit Hilfe von Stiegen den Höhenunterschied bewältigen können. Erwähnenswert ist, dass die Fillgrader Stiege im Jahr 2004 zur viertschönsten Stiege Europas erkoren wurde.

"Ist Wien anders", wie die stadteigene Werbung sagt? Ja, vielleicht, denn wo sonst findet man die Mischung aus altwiener Kaffehaus und hochmodernem, vierstöckigem Buchhandel, aus dem Haus Nr. 45, dem Geburtshaus von Ferdinand Raimund, das schon 1790 hier stand und einer modernen Glasfassade mit einem Riesenmosaik, an dem wir neulich vorbei gegangen sind?

Und alles zusammen harmonisch auf engstem Raum. Letztlich ist auch das Museumsquartier, das am unteren Ende der Mariahilfer Straße liegt, ein prächtiges Beispiel dafür. Im Anschluss an die zwei großen Museen an der Ringstraße, an das Naturhistorische und das Kunsthistorische Museum, lagen die einstigen kaiserlichen Hofstallungen. Man ließ die alten, barocken Gebäude als Fassade stehen, schuf im Innenhof aber zwei hochmoderne, neue Museen und erbaute so eines der zehn größten Kulturareale der Welt. Hier gibt es außerdem Platz für Festivals, Künstlerateliers, Vortragssäle, ein Tanzquartier und nicht zuletzt Bars und Cafés, die zwar nicht traditionsträchtig sind, inmitten der 1725 errichteten Gebäude jedoch den Bedarf einer modernen Großstadt erfüllen.


Bernhard Kauntz, Västerås 2006 - 2011



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18.11.2011 by webmaster@werbeka.com