Wien 1., Griechenbeisl


Zunächst muss man vielleicht das Wort "Beisl" erklären. In der Schweiz bezeichnet das Wort "Beiz" eine Kneipe und es könnte sein, dass das Beisl mit der Endung auf "-l" eine typisch wienerische Verniedlichung von Beiz ist. Anderen Quellen zufolge kommt das Beisl aus dem Tschechischen, wo "pajzl" ebenfalls Kneipe oder Spelunke bedeutet. Persönlich glaube ich, dass der tschechische Einfluss in Wien auf jeden Fall größer war (und ist) als der schweizerische.
Auf jeden Fall ist das Beisl eine Kneipe, das heißt, eine Schankwirtschaft, wo man hauptsächlich hingeht, um zu trinken. Von Anfang an war das Wort abwertend gemeint, das Beisl rangierte klar unter dem Wirtshaus - heute aber gibt es sogar Nobelbeisln, wo sich, wie der Name besagt, sogar die Noblesse ein Stelldichein gibt. Auch das mit der Schankwirtschaft darf man heute nicht mehr so genau nehmen, denn es gibt genug Beisln, in denen man ganz vorzüglich essen kann. Nicht zuletzt auch hier, im Griechenbeisl.

Der Name stammt aus dem 17. Jhd., als sich griechische und levantinische Kaufleute im Umfeld ansiedelten. Die Gegend bekam den Namen Griechenviertel und die neuen Anrainer fanden ihr Stammlokal im Griechenbeisl. Dabei hatte das Gasthaus vorher viele Namen gehabt - "Zum gelben Adler", "Zum roten Dachl" oder "Zum goldenen Engel".

Heute flößt allerdings schon allein das Eingangstor Ehrfurcht ein, wenn man den Blick ein wenig hebt und dort dann die Jahreszahl sieht: 1447. Aus diesem Jahr gibt es nämlich eine Eintragung, laut der das Haus um 550 Pfund Pfennige verkauft wurde. Wann es gebaut wurde, ist nicht mehr feststellbar. Aber man weiß, dass es immer ein Wirtshaus war. Das macht es zum ältesten Wirtshaus in Wien. Sicher ist auch, dass der Turm mit dem steil ansteigenden Satteldach einen Teil der Stadtmauer ausmachte.
Dies führte natürlich mit sich, dass das Lokal bei Kriegshandlungen in die Schusslinie kam, so zum Beispiel bei den beiden Türkenbelagerungen von Wien. Davon zeugen unter anderem die drei Kanonenkugeln, die beim Aufgang zu den Augustinstuben eingemauert sind. Die Tafel daneben erklärt: "Anno 1529 stand das Gasthaus zum gelben Adler, das heutige Griechenbeisl, als Teil der Stadtmauer von Wien und Bastion gegen die anstürmenden Türken im Kugelhagel der Geschütze. Bei Renovierungsarbeiten 1963 wurden diese drei Kugeln im Gemäuer gefunden und zeigen von einer großen Vergangenheit unseres Hauses."
Bei der zweiten Türkenbelagerung im Jahr 1683 lag dieses Haus dann natürlich ebenso an der Stadtmauer wie beim vorigen Mal. Es ist keine Übertreibung, wenn die kleine Schrift, die vor dem Gasthaus aufliegt und ein wenig über das Haus erzählt, meint, dass das Haus viele heitere, aber noch mehr schwere und ernste Tage erlebt hat.
Ernste Tage gab es zum Beispiel schon vier Jahre vor der zweiten Türkenbelagerung, als die Pest in Wien wütete und die Mehrzahl der Bevölkerung dahinraffte. Da brauchte es natürlich Leute wie den lieben Augustin, der die Stimmung der Bevölkerung ein wenig aus dem Trübsal reißen konnte. Er soll sein Lied hier im Griechenbeisl komponiert und zum ersten Mal gesungen haben.
Aber nicht nur der liebe Augustin war Gast in diesen Räumen. Die Aufzählung prominenter Personen, die im Lauf der Jahrhunderte das Lokal besucht haben, ist imponierend: Beethoven, Brahms, Grillparzer, Lueger, Nestroy, Schubert, Schwind, Strauß, Wagner, Waldmüller und Graf Zeppelin sind nur einige davon.
Mark Twain hat sogar ein eigenes Zimmer nach sich benannt bekommen (Bild rechts unten) - und das ist ein recht besonderes Zimmer. An den Wänden gibt es nämlich die Schriftzüge von vielen Prominenten.
Ein kleines Schild weist darauf hin, dass dieser Raum unter Denkmalschutz steht und dass man es unterlassen möge, die Wand zu bekritzeln. Traurig dabei ist nur, dass man da extra darauf aufmerksam machen muss, aber sicher ist sicher, im Zeitalter der Wandbeschmierer - Verzeihung, ich meinte Graffitikünstler ...
Auch die anderen Zimmer sind thematisch zugeordnet. So gibt es hier zum Beispiel ein Karlsbader Zimmer, nach dem tschechischen Kurort, oder ein Biedermeierzimmer, in dem Einrichtung und Bilder eben aus dieser Zeit stammen.
Erwähnenswert sind auch die Kunstwerke aus alter Zeit, die man hier und dort im Lokal sehen kann. Auf der Stadtansicht von 1489 kann man sogar noch den roten Turm sehen (links von Stephansdom), nach dem die Rotenturmstraße benannt ist.
Zuletzt, aber nicht am geringsten (wie die Engländer sagen) gehört dem geschulten und freundlichen Personal ein großes Plus.
Das nicht nur wegen der zuvorkommenden Art, meinen Fotografiewünschen nachzukommen, sondern wie die ganze Atmosphäre positiv geprägt wird. Danke schön!

Bernhard Kauntz, Wolvertem 2009


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Seite erstellt am 28.09.2009 by webmaster@werbeka.com