Wien 1., Stadtspaziergang (Teil 5)


Natürlich war im nächsten Urlaub in Wien wieder einer von Henriette Mandls Stadtspaziergänge fällig. Wie immer ist der Stephansplatz der Ausgangspunkt dieser Wanderungen. Wir vergessen nicht, auf der Rückseite des Domes dem Zahnwehherrgott unsere Referenz zu machen.
Dann betreten wir das Areal des Deutschen Hauses durch den Eingang am Stephansplatz. Das Gebäude erstreckt sich bis in die Singerstraße, wo es ebenfalls einen Eingang gibt.
Der Name geht auf den Deutschen Orden zurück, der sich während der Zeit der Kreuzzüge um kranke Pilger und Kreuzfahrer kümmerte. Der Orden bekam diesen Gebäudekomplex schon am Anfang des 13. Jahrhunderts. Es handelte sich nicht nur um Unterkünfte und die Kapelle, sondern hier gab es auch Stallungen, Scheunen und Wirtschafträume.
Hochmeister des Ordens waren durch die Jahrhunderte die Erzherzöge von Österreich. Seit 1809 ist das Haus auch der Sitz des Hochmeisters und beinhaltet die Schatzkammer des Ordens. Das Hochmeisterkreuz im Bild rechts ist jedoch nur von einem Plakat abfotografiert, das beim Aufgang hängt und einige Kostbarkeiten der Schatzkammer zeigt.
Denn die Schatzkammer war leider nicht geöffnet, als wir dort waren. Sie hat nur zwei Stunden pro Tag Besuchszeit und ist sonntags und montags überhaupt geschlossen.
Der Orden konnte ohne große Anstrengungen Schätze zusammentragen, denn die Mitglieder mussten beim Eintritt Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben. Viele der Ritter waren aber gar nicht unbemittelte Adelige, die dann ihr Vermögen dem Orden übertrugen.

Es gibt viel zu sehen hier. Durch einen kleinen Hof gehen wir in einen zweiten, in dem die verglasten Balkons das Bild beherrschen. Ein klares Plus der Stadtwanderungen ist, dass man diese Innenhöfe kennen lernt, von denen ein Normalwiener gewöhnlicherweise keine Ahnung hat. Und der Unterschied zwischen der lärmenden Stadt draußen und der relativen Ruhe im Hof ist schon gewaltig.

In diesen Höfen sind auch manche Kunstschätze verborgen, so wie hier die heilige Katharina, die an dem Rad als ihrem Attribut erkennbar ist. Sie ist ja gerädert worden. Außerdem gibt es ein Halbrelief eines betenden Mönchen, den man bei der Restaurierung des Hauses in seiner ursprünglichen Form belassen hat, wie auch den Reliefpfeiler daneben.
Am 16. März 1781 kam Graf Colloredo mit seinem Gefolge nach Wien und bezog hier im Haus Quartier. Im Gefolge des Fürsterzbischofs von Salzburg befand sich auch Wolfgang Amadeus Mozart, der zu dieser Zeit bei ihm angestellt war. Mozart hatte damals schon einige Berühmtheit erlangt, wurde vom Erzbischof aber wie jeder andere Bedienstete behandelt. Am 2. Mai kam es zu einem Eklat zwischen den Beiden, der damit endete, dass Mozart entlassen wurde. Noch dazu wurde er von Oberstküchenmeister Karl Graf Arco mit Hilfe eines Fußtritts nach draußen befördert.
Bevor wir nun das Deutsche Haus verlassen, führt links eine Tür in die Deutschordenskirche, die Kapelle des Hauses. Wie die anderen Gebäude, wurde die erste Kirche hier schon im frühen 13. Jahrhundert errichtet. Davon ist jedoch allein der Turm erhalten geblieben. Die heutige Kirche wurde 1395 der Ordenspatronin, der Heiligen Elisabeth von Thüringen, geweiht. Letztere, auch Elisabeth von Ungarn genannt, war eine Tochter des ungarischen Königs Andreas II und Gertrud von Andechs. 1207 geboren, starb sie nur 24jährig in Marburg an der Lahn. Sie ist ein Sinnbild aktiver Nächstenliebe.
Die Kirche wurde im Laufe der Jahre oft durch Brände heimgesucht, aber immer wieder neu erbaut oder restauriert. Ursprünglich war der Grundriss ein reines Rechteck, wurde aber im Barock zu einem Oval verändert.
Das Altarbild wurde 1667 von Tobias Pock gemalt. Der Flügelaltar darunter wurde 1520 in Mechelen im heutigen Belgien angefertigt, war für die Marienkirche in Danzig bestimmt und kam erst 1864 nach Wien.
Der Altar besteht aus einem dreiteiligen Schrein, der von je zwei Seitenflügeln umgeben ist. Geöffnet zeigt er die Leiden Christi, während in geschlossenem Zustand vier Apostel - Andreas, Petrus, Johannes und Jakobus - zu sehen sind.
Mehr als achtzig Wappenschilde hängen in der Kirche. Es sind sogenannte "Aufschwörschilde" der Ordensritter. In der Kirche, in der man seinen Ritterschlag erhielt, sollte man nämlich seinen Wappenschild aufhängen.
In der Kirche gibt es auch Epitaphien, unter denen drei Grabdenkmäler hervorstechen, zwei der Grafen Starhemberg und eines von Graf Harrach, der Feldmarschall und Komtur (Verwalter) des Deutschen Ordens war.

Schließlich soll noch die "Sala terrena" erwähnt werden, die sich ebenfalls in diesen Gebäuden befindet und über die Stiege erreicht werden kann. Sie ist wegen ihrer Wandmalereien aus dem 18. Jahrhundert berühmt. Dort werden heute oft Konzerte abgehalten.

Wir verlassen jetzt das Deutsche Haus durch das Tor in der Singerstraße und stehen in einer der ältesten Straßen von Wien. Der Name kommt eigentlich von Webern und Färbern aus Sünching bei Regensburg. Sie hatten sich hier niedergelassen - schon 1314 hieß die Straße Sunigerstraße, was um Mitte des 16. Jahrhunderts in Singerstraße verwandelt wurde.
Dort finden wir auf Nummer 16 das neu renovierte, barocke Palais Neupauer-Breuner. Im Eingang rechts gibt es eine Ausstellung von Jugendstillampen, unter anderen von Josef Hoffmann und Kolo Moser. Sie reichen jedoch nicht an die Ausschmückung des Portals heran.
Ein großer Jammer ist, dass es erlaubt ist, überall Schilder aufzuhängen und damit den Gesamteindruck zu zerstören. Was rührt mich das Immobilienbüro Orag und ihre Telefonnummer?
Von dieser Gegend erzählt man übrigens schaurige Geschichten.
Es war zur Zeit des Rudolf von Habsburg, also im 13. Jahrhundert. Rudolf war ja der erste Habsburger, der römisch-deutscher König geworden war. Die Wiener hätten jedoch lieber den König von Böhmen, Ottokar Přemysl, auf diesem Thron gesehen. Es gab daher wenigstens passiven Widerstand gegen Rudolf. Dieser ließ deshalb hier seine Schergen in der Nacht unliebsamme Bürger überfallen und ihnen den Kopf abschlagen ...
Wir gehen durch den Eingang des Hauses Nummer 11 und befinden uns dann im Fähnrichshof, der schon zum Viertel der Blutgasse gehört. Überwältigend ist die große Platane, die hier auf dem Innenhof wächst.
Der Fähnrichshof heißt so, weil sich hier die Bürgermiliz um einen Fährich versammelte, wenn die Zeiten unsicher waren. Warum die Blutgasse so heißt, weiß man nicht. Ob es die Schergen von Rudolf waren, oder ob es 1312 das Gemetzel an den Tempelrittern war, als der Orden aufgelöst wurde - wer kann das heute noch sagen?
Es kann aber auch sein, dass sich das Wort vom altgermanischen "bluot" ableitet, was soviel wie Opfer bedeutet. Demnach könnte sich hier eine heidnische Kultstätte befunden haben. Andererseits wieder bekam die Gasse erst 1542 ihren Namen. Ob man sich da an eine heidnische Kultstätte noch erinnerte? Mord und Totschlag ist wahrscheinlich viel stärker in der Erinnerung geblieben.
Um 1400 hieß die Gasse übrigens vierzig Jahre lang Khotgässl. Das mag ja erleuchtend sein, was den Zustand in dieser Gegend betraf. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es fast wieder so schlimm und man überlegte ernsthaft, die Gebäude niederzureißen. Jedoch gehört dieses Viertel zu den ältesten in Wien - die Fundamente der Häuser gehen mindestens bis ins zwölfte Jahrhundert zurück und die Häuser selbst wurden im 16. und 17. Jahrhundert errichtet.

Die Gemeinde beschloss, mit finanzkräftigen Interessenten ein Übereinkommen zu treffen. Sie sollten die Häuser im Inneren sanieren, während die Gemeinde selbst für die Außenrenovierung aufkam. Auf diese Art konnte ein uraltes Stück Wien bewahrt werden.
Die Pawlatschenhäuser haben ihren Namen aus dem Tschechischen. "Pavlac" bezeichnet nämlich die offenen Gänge an der Außenseite, die die einzelnen Wohnungen miteinander verbinden. In den Höfen gibt es auch Stiegenabgänge, die bis zu drei Stockwerke tiefen Kellern führen.

Wir verlassen die Blutgasse rechter Hand und kommen in die Domgasse. Gleich gegenüber finden wir die Nummer 5, das sogenannte Figarohaus. Es heißt so, weil Mozart von 1784 bis 1787 hier wohnte und unter anderem "Die Hochzeit des Figaro" hier schrieb. Seit ein paar Jahren ist das Haus auch ein Mozart-Museum, aber für den teuren Eintritt hat das Haus wenig zu bieten.
Interessanter ist die Geschichte des Hauses Nummer 6, dem kleinen Bischofshof, früher auch unter dem Namen "zum roten Kreuz" bekannt. Hier wurde die Fassade 1761 erneuert, aber unsere Erzählung geht noch weiter zurück, ins Jahr 1683, als die Türken zum zweiten Mal Wien belagerten. Ein gewisser Kolschitzky wurde als Kundschafter ins türkische Lager gesandt, weil er der Sprache mächtig war. Als Lohn dafür erhielt er besagtes Haus und die Kaffeebohnen, die die Türken in aller Eile beim Rückzug liegenlassen hatten. Er eröffnete drei Jahre später in diesem Haus ein Kaffeehaus.
Die Sage will, dass dies das erste Kaffehaus in Wien gewesen sei, aber das ist nicht richtig. Das erste Kaffeehaus wurde ein Jahr vorher von einem Armenier namens Johannes Diodato eröffnet. Dagegen ist es richtig, dass Kolschitzky mit seinem Kaffe ein gutes Geschäft machte und bald ein größeres Lokal finden musste. Die Erben Kolschitzkys stimmten später zu, dass das Lokal nocheinmal verlagert wurde - diesmal an den Donaukanal. Ein Stich aus 1750 von Johann Adam Deisenbach zeigt das Kaffeehaus an der Salztorbrücke.
Wir biegen rechts ab, in die Grünangergasse. Ein Anger ist ein altes Wort für eine Wiese und also war dies früher wohl Weideland. Hier finden wir auf Nummer 4 wieder ein schönes Portal, nämlich das des Palais Fürstenberg. Dieses Haus wurde um 1720 erbaut, wurde aber im 19. Jahrhundert verändert. Interessant ist, dass die Familie Fürstenberg das Palais erst 1882 in ihren Besitz brachte. In den ersten hundertfünfzig Jahren hatte es mindestens fünf Mal die Besitzer gewechselt. Die Windhunde über dem Portal waren die Wappentiere des ersten Besitzers, Freiherr von Hatzenberg.
Es ist nicht bekannt, wer für die Ausstattung der Eingangshalle und des Treppenhauses verantwortlich zeichnete. Aber es lohnt sich durchaus, einen oder sogar ein paar Blicke hineinzuwerfen. In der Eingangshalle steht ein Marmorkamin mit einem Reliefbildnis von Kaiser Josef II, von Zierstuckwerk umrandet.

Im Treppenaufgang stehen vier Stauten griechischer Götter, nämlich Pallas Athene, Hermes, Aphrodite und Herakles. Schließlich sollte man die Stuckverzierungen an der Decke nicht vergessen.

Wir überqueren jetzt die Straße, damit wir das "Brotbäckerhaus" auf Nummer 8 besser sehen können. Die Besitzer dieses Hauses waren, wie der Name schon sagt, jahrhundertelang verschiedene Bäckerfamilien. Das Relief über dem Tor zeigt diverse Gebäcksorten, die man - außer dem "Girafferl" ganz unten - alle noch bekommen kann. (Warum es Girafferl geheißen hat, ist mir nicht ganz klar.) In der obersten Reihe sehen wir links ein Bosniakerl, das aber heute eher als Weckerl bezeichnet wird. Rechts davon ist ein Schusterlaberl. In der mittleren Reihe ist links ein Kipferl. Die Überlieferung sagt, dass es sich dabei um eine Verhöhnung der Türken handelte, weil die Form ihrem Halbmond ähnelt. Das stimmt vermutlich nicht, denn ein "Kipf" ist schon aus dem 13. Jahrhundert belegt. Neben dem Kipferl ist ein Brezel und rechts ein Beugl. Das Beugl ist meistens mit Mohn oder geriebenen Nüssen gefüllt.
Auf Nummer 10 befindet sich heute das Restaurant Tiflis, wo man georgisches, aber auch einheimisches Essen bekommen kann. Es ist der Nachfolger eines italischen Restaurants, "All' Ancora Verde". Das allerdings bedeutet "zum grünen Anker". Dem damaligen Inhaber dürfte der Unterschied zwischen Anger und Anker nicht geläufig gewesen sein ... Dennoch hielt sich das Restaurant um die 200 Jahre und hatte in dieser Zeit etliche berühmte Gäste.
Wir gehen auf der Grünangergasse weiter und kommen bald zum Franziskanerplatz. Das Erste, das hier auffällt, ist das lustige "Knöpferlhaus" in dem heute noch das Franziskanerkloster untergebracht ist. Dabei war es von Beginn an (im 14. Jahrhundert) ein Nonnenkloster für sündige Frauen. Anfangs mussten sie kein Gelübde abgeben, sondern durften auch arbeiten und sogar heiraten. Erst später wurde von den Nonnen ein Gelübdnis verlangt. Sie nannten sich Magdalenerinnen, anzunehmenderweise nach Maria Magdalena.
Mit der Reformation und durch einen Brand im Jahr 1525 begann der Verfall des Klosters. Als dann die Oberin, eine gewisse Juliane Kleeberger mit dem Ordenspriester Laubinger ein Verhältnis begann, trug das nicht gerade dazu bei, die Moral im Kloster hoch zu halten.
Schließlich heirateten die beiden - durch eine Hochzeitszeremonie, die Laubinger selbst vollzog, aber sie wurden nicht glücklich. Laubinger war sehr eifersüchtig und beschuldigte alle anderen Nonnen, ihrer Oberin hilreich bezustehen, wenn sie fremd ging.
(Na ja, vermutlich war er ja ihr Beichtvater gewesen - wer weiß, was er da nicht alles erfahren hat ...) Schließlich exkommunizierte er sämtliche Nonnen in einem Wutanfall. Inzwischen hatte das Pärchen aber auch die Finanzen des Klosters verbraucht und musste ins Gefängnis. Auf Begehren der Wiener Bevölkerung, die das Liebesverhältnis in der Seele rührte, kamen sie jedoch bald wieder frei. Nun verschwand Laubinger, während die Oberin wieder ins Kloster zurückging.
Aber es ist klar - all dies war dem Orden nicht zuträglich. 1589 bekamen die Franziskaner Haus und Kirche. Im Kloster gibt es heute, rechts beim Eingang, ein Weihwasserbecken in der Form eines Totenkopfes. Die Inschrift lautet: "Heute an mir, morgen an dir". Trotz allem "memento mori" (denk an den Tod) finde ich das ein wenig makaber.
Im Kloster gibt es auch eine Rarität, nämlich die Wöckherl-Orgel. Sie stammt aus dem Jahr 1642 und ist die älteste Orgel Wiens. Leider wird sie im Augenblick nur freitags eine halbe Stunde lang öffentlich gezeigt. Und ob der Spaß sechs Euro wert ist, ist noch eine Frage.
Als die Franziskaner die Kirche übernommen hatten, wurden die Gottesdienste bald so sehr gut besucht, dass die Kirchgänger keinen Platz für ihre Kutschen fanden. Auf Betreiben der Mönche wurde das baufällige Haus gegenüber der Kirche deshalb abgerissen - so entstand der Franziskanerplatz im Jahr 1624. Auch die meisten der umliegenden Häuser entstanden um diese Zeit. Damit ist dieser Platz einer der jüngsten in der Wiener Innenstadt.
Hier steht auch der Mosesbrunnen, der 1798 hier aufgestellt wurde. Die Brunnenschale stammt hingegen aus dem frühen 17. Jahrhundert und stand vorher im Haus Nummer 6.
Platzbeherrschend ist die Franziskanerkirche, der ich jedoch eine eigene Seite gewidmet habe. Ich bitte Sie, dem Link zu folgen.

Wie wir vom Franziskanerplatz wieder zum Stephansdom zurückkommen, erfahren Sie im folgenden Teil der Stadtwanderung.

Bernhard Kauntz, Wolvertem, 2011


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Seite erstellt am 8.10.2011 by webmaster@werbeka.com